Das neue Ende der Geschichte
Utopie einer Unterwerfung des Menschen unter kŸnstliches Bewusstsein

Thomas Pfanne
Version vom 11.7.2018

 

I.     EinfŸhrung: retardierende Momente auf dem Weg ins ãEnde der GeschichteÒ. 1

II.    Alternativen in der Alternativlosigkeit - durch das Internet?. 4

III.       Werte, Grundrechte und Strafen im Spiegel der Zeit 6

IV.       Zu Gast im Kapital-gelenkten Politiktheater?. 7

V.    Eine kurze Geschichte der Zeit als Folge von Emergenzen bis zur ãletzten EmergenzÒ. 10

VI.       Menschen und Computer im Jahre 2018. 11

VII.      Bewusstsein und Kognition: Zusammenwirken von Freiheit, KausalitŠt und Kontingenz. 13

VIII.     Das Internet als Trainingsmaterial fŸr die Emergenz kŸnstlich-abstrakten Bewusstseins. 15

IX.       Computer: Freund oder Feind? - Moral und Recht im Spannungsfeld von Normen. 17

X.    Die nŠhere Zukunft im Kapitalismus: Entmachtung des Faktors Arbeit mit Feudalismus?. 20

XI.       Die SelbstverstŠndlichkeit eines Sieges des Guten Ÿber das Bšse: 22

XII.      Skizzen eines neuen Weltstaatsvertrags: Versuch einer "objektiv-moralischen" Grundlegung. 24

XIII.     Was ist ãdieÒ Moral?. 25

XIV.    Schutz des Maschinenbewusstseins: Kann es sich selbst schŸtzen?. 26

 

I.               EinfŸhrung und Lage heute: retardierende Momente auf dem Weg ins ãEnde der GeschichteÒ

1.     1992 traf das gleichnamige Werk des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Fukuyama vom ãEnde der GeschichteÒ den Nerv der Zeit. Gorbatschow hatte den Fall der Berliner Mauer zugelassen und schien damit die Schlussphase politischer Systementwicklung eingelŠutet zu haben. Geschichtliche ãEvolutionÒ als dialektisch-teleologischer Ereigniskette schien eine Zeitlang mit dem Zusammenbruch der Antithese zum Kapitalismus zu Ende gegangen zu sein: Kapitalismus in der Erscheinungsform "liberale DemokratieÒ leuchtete als Morgenršte und Apotheose menschlicher Entwicklungspfade: Neben der Abschaffung von Krieg und Sklaverei schienen universal gedachte Errungenschaften (Grundrechte als Abwehr- und Teilhaberechte, Rechtsstaatlichkeit und eine freie und zugleich soziale Marktwirtschaft) im ãWeltgeistÒ irreversibel und letztlich ãalternativlosÒ verankert worden zu sein. Nur derartige Gesellschaften mobilisieren maximales Sozialkapital, durch transparente, gut begrŸndete Teilhaberegeln, die niemanden ausgrenzen. Ein utopisches Gesamtsystem mit maximaler Wertschšpfung in Kooperation zeichnete sich ab. Kapitalismus kšnne in diesem System unser aller Arbeits-, Konsum- und Sparverhalten zum allgemeinen Vorteil (die berŸhmte ãunsichtbare HandÒ) optimieren und –als Nebeneffekt - das škonomisch nštige Wachstum vom quantitativ konsumtiven in qualitativ umweltvertrŠgliches transformieren.

2.     Die Kritik an der ãNutzungÒ des Menschenrechtsbegriffs fŸr Zwecke der MachtausŸbung war trotz literarischer Erfolge (ãEmpšrt Euch!Ò) von MenschenrechtsschŸtzern wie StŽphane Hessel oder seinem deutschen Diplomatenkollegen Werner Daum [wie auch Noam Chomsky im Mainstream meist ignoriert] beeintrŠchtigte die Zuversicht des Westens nicht, zugleich auf der moralisch Ÿberlegenen und militŠrisch politischen Gewinnerseite zu stehen: ãWenn Amerika sich nicht in der Welt einmischt, geschehen furchtbare DingeÒ, warnt im SPIEGEL die in Prag geborene Ex-Au§enministerin Madam Albright. Eine Generation, 25 Jahre, nach Fukuyamas Buch wurde unerwartet jemand US-PrŠsident, der schon im Wahlkampf versprochen hatte, nicht mehr im Interesse der ãfreien WeltÒ, sondern nach dem Prinzip ãAmerica first!Ò zu handeln. So hŠlt die Globalisierung inne: In der ãsoliden westlichen WertegemeinschaftÒ treten Bruchstellen zwischen "liberal" und "Demokratie" hervor. Auch in Zeiten des Faktenchecks im Internet kann man Macht und historische Entscheidungen (Brexit) mit Falschbehauptungen bewirken.

3.     Eine expansive Geldpolitik, bezahlt durch die Verschuldung aller derjenigen, die sich nicht der nationalstaatlichen Besteuerung entziehen kšnnen – wie es Oligarchen in Steuerparadiesen und dem globalisierten Finanzkapital gelingt - Ÿberwand zwar in der Staatschuldenkrise 2008/2009 die Gefahr einer gro§en Depression, aber um den Preis der StŠrkung der (US-dominierten) Finanzwirtschaft gegenŸber dem realen Sektor. Die StŠrkung des Produktionsfaktors Kapital (Vermieter) gegenŸber dem Faktor Arbeit (Mieter) bewirkte seit dem Fall der Mauer und der Bankenrettung 2008/2009, dass der Mittelstand in den westlichen Gesellschaften seine besten Zeiten (in der von Generation zu Generation der Wohlstand zunahm) bereits hinter sich hat.

4.     Wie sehr europŠisches Geld oder das von Philanthropen (Gates, Soros) bereitgestellte dazu beitragen kann, dem sich vor unseren Augen vollziehenden Abbau von ãErrungenschaftenÒ vor allem im šstlichen Europa entgegenzuwirken, wird sich erst zeigen. Das ursprŸnglich von Deutschland gewollte System geografisch determinierter Erst- und Letztverantwortung fŸr die SchutzgewŠhrung fŸr Migranten hatte nach dem Fall der Mauer die erste BewŠhrungsprobe gut Ÿberstanden, ist aber inkompatibel mit der massiven Zunahme legitimier FluchtgrŸnde und deren humanitŠre Konsequenzen.

5.     Die Globalisierung des Finanzkapitals und ihre inhŠrente Neigung zur Akkumulation erkannte wirkmŠchtiger als jeder andere Denker der vor 200 Jahren geborene Karl Marx. Die škonomisch bald stŠrkste Macht des 21. Jahrhunderts, China, verdankt ihre ModernitŠt seinen Ideen. Bereitet China uns mit der Schenkung einer Marx-Statue auf die Rolle Europas vor, kŸnftig nur noch Attraktion musealen TourismusÔ zu sein?

6.     Nicht die Ressourcen-Erschšpfung ˆ la ãClub of RomeÒ leitet ãdas Ende der Welt, wie wir sie kanntenÒ ein, sondern virtualisierte Wertschšpfungsketten, die menschliche Arbeitsleistungen zum weltweiten billigsten Standort ohne Rechtsschutz outsourcen. Der Machtverlust von Gewerkschaften als ãVertreter der Interessen der WerktŠtigenÒ erstreckt sich auf gewŠhlte Politiker und Parlamente, die gegenŸber den entfesselten KrŠften einer globalisierten …konomie machtlos erscheinen. Auch die EuropŠische 'immer engereÔ Union entzieht nationalen Regierungen Macht, ohne sie auf europŠische Ebene neu bŸndeln zu kšnnen. Das sieht man deutlich beim Thema der BekŠmpfung der Steuervermeidung, wo nach US-Vorbild der Wettlauf um Steuersenkungen begonnen hat - ein Wettlauf um den schnellsten Steuerungsverlust fŸr gesellschaftliche Verfasstheit.

7.     Die GleichgŸltigkeit des Kapitalismus als System am Einzelschicksal seiner Wirtschaftssubjekte mŸssen sich erfolgreiche Unternehmenslenker bei Strafe feindlicher †bernahmen durch Hedgefonds zu Eigen machen. Die FŠhigkeit (und meist der Wille) von Regierungen, diese systembedingte Interesselosigkeit an menschlichen Schicksalen (etwa durch bedingungsloses Grundeinkommen) ausgleichen zu kšnnen, ist abhandengekommen. Wenn echte politische Handlungen nicht mehr mšglich sind, schrumpft der Resonanzraum von Politikern auf performative Aspekte. Wer unter Zeitdruck mit Ersatzhandlung zu beeindrucken vermag, gewinnt. Strategische Entscheidungen obliegen globalisierten EntitŠten nicht-politischer Natur mit dem ausschlie§lichen Interesse an Kapitalvermehrung (Blackrock allein verwaltet z.B. Ÿber 6.000.000.000.000 $).

8.     Der gesellschaftspolitische Kontrollverlust des modernen Staats, der mit der globalisierte Wirtschaft interagiert, wird von den MŠchtigen dieser Welt ausdrŸcklich begrŸ§t. FŸr sie ist es angenehm, den Staat auf seine repressive Rolle (MilitŠr, Geheimdienste, Polizei) zu schrumpfen. Ideologisch verbrŠmt man das als eine ãbessere VerwaltungÒ (good governance), denn Forderungen nach GemeingŸtern und Chancengleichheit sei nichts weiter als Umverteilung wegen versteckten Neids. Neoliberalismus und Geldwirtschaft kommen gut ohne den klassischen Arbeiter und seine einstigen sozialen Errungenschaften aus. Gewerkschaften und paritŠtische Mitbestimmung werden im globalen Wirtschaftskampf als Fremdkšrper abgesto§en.

9.     In Asien werden nicht nur FlughŠfen ungleich schneller als in Berlin gebaut. So wie der ãSputnik-SchockÒ die US-Mondlandung 1969 befeuerte, reagierte das (staats-) kapitalistische China auf den AlphaGo(Zero) Schock, mit Milliarden-Programmen fŸr KŸnstliche Intelligenz / ãDeep LearningÒ. Xi Jinpings ãGedankengut fŸr das neue Zeitalter des Sozialismus chinesischer PrŠgungÒ wurde als Leitlinie in die Parteiverfassung aufgenommen ermšglicht dem gro§en FŸhrer noch schnelleres ãvoluntaristischesÒ Handeln. Der ãVision FundÒ des japanischen Softbank-GrŸnders Masayoshi Son ist mit 100 Mrd. USD der grš§te Technologiefonds der Welt. Saudi-Arabien ist mit 45 Mrd. beteiligt, auch Abu Dhabi und Unternehmen wie Apple, Qualcomm, Foxconn und Sharp sammeln Wagniskapital. Softbank mšchte zum weltweit fŸhrenden Konzern in Bereichen Robotik und kŸnstliche Intelligenz werden. Der China New Era Fund des chinesische Staatskonzerns China Merchants Group mobilisiert weitere 15 Mrd. hinzu. Europa hat nichts dergleichen. Wird China als Sieger Ÿber passive ãNachtwŠchterstaatenÒ des Westens hervorgehen?

10.  Im Westen fršnen populistische Anrufe wie ãAmerica (Britain; Catalonia) First!Ò dem Irrglauben, Geschichte zurŸckdrehen zu kšnnen (ãmake America great again!Ò). Muss Deutschland - das Land mit dem weltweit grš§ten HandelsŸberschuss (Export minus Import) – nicht im Gegenteil arbeitsteilige Globalisierungsprozesse mit inlŠndischer Wertschšpfungsprozessen vorantreiben, selbst um den Preis, in Investitionsschutzbestimmungen Profiterwartungen gegenŸber kŸnftigen demokratischen Prozessen resilient zu machen? War Sloterdijks Forderung aus dem Jahr 2009 in der FAZ: ãAbschaffung von Zwangssteuern und deren Umwandlung in Geschenke an die AllgemeinheitÒ ein Abgesang auf den demokratischen Fiskalstaat der Gegenwart? Verwies uns Sloterdijk mit unserer demokratischen Sehnsucht nach Freiheit und Chancengleichheit auf steuerlich begŸnstigte Stiftungen und Sponsoren, die man sich ja fŸr seine Anliegen suchen kšnne? Sein 2010 erschienenes Buch klŠrte diese Frage nicht. Die Ersetzung der in scheindemokratischen Staaten herrschenden ãFiskalkleptokratieÒ durch eine ãFiskaldemokratieÒ, in der die BŸrger mitbestimmen kšnnen, wohin ihre Steuer- bzw. Gabenstršme flie§en, ist fŸr korrupte Staaten natŸrlich všllig berechtigt (ãNo taxation without representationÒ war Parole und Kriegsgrund des Amerikanischen UnabhŠngigkeitskriegs). Jedoch kann eine zu offene Regime-Change Agenda nach russischem Vorbild zunŠchst zur Listung als ãauslŠndischer AgentÒ und dann zur populistisch zelebrierten Vertreibung fŸhren, das bewies 2018 in Ungarn Regierungschef Orban dem MilliardŠr Soros. In Russland kursiert ein Gesetzentwurf mit Zitierverboten fŸr Medien, die auf einer ãschwarzenÒ Liste stehen wie neun als auslŠndische Agenten gelistete US-Medien. Der Gesetzentwurf soll der Generalstaatsanwaltschaft in Zusammenarbeit Au§enministerium ermšglichen, die Listung um natŸrliche Personen zu ergŠnzen, die auf entgeltlicher Basis mit den gelisteten Medien zusammenarbeiten. Uploadfilter und Schutz vor unerwŸnschten Inhalt (von Hasspropaganda bis ãfake newsÒ) sind bereits Gegenstand einer (noch rechtsunverbindlichen ) EU-Empfehlung vom MŠrz 2018, die auf eine erzwungene Selbstregulierung hinauslŠuft. Die Branche warnt jedenfalls vor ãmassenhafter maschineller Zensur im InternetÒ.

11.  Globalisierte Firmen verteilen ihren in tausendenden von Mannjahren erarbeiteten Mehrwert bis hin in die entferntesten Stellen der Welt kostenlos - gegen eine entsprechende Preisgabe von Daten. Das macht die Werbetreibenden zu den ãeigentlichen KundenÒ von Facebook und Google. Wir, bzw. unsere Daten, werden zum ãProduktÒ. Das GeschŠftsmodell hat Europa mit der am 25.5.2018 in Kraft getretenen Datenschutzgrundverordnung in Frage gestellt.

12.  Das Šndert nichts am Befund: In Smartphones verbreitete †bersetzungs- und Suchprogramme, Lexika und GPS-Integration, kŸnstliche Intelligenz, verŠndert den Zustand unserer mit mehr als 3 Mrd Smartphones gefŸllten Welt bis in hinterste afrikanische Dorf. In frŸheren Jahrhunderten notwendige (und teilweise mit erheblichen (auch: škologischen) Nachteilen verbundene) Entwicklungsphasen kšnnen einfach Ÿbersprungen und innovativ/disruptive GeschŠftsmodelle im Interesse aller eršffnet werden: Etwa das ãEmpowermentÒ von Frauen, vorbei an korrupten Systemen der Wohlstandsdistribution, Ÿber gesicherter Smartphone-Zahlungstransfers. Die monopolhafte Marktkapitalisierung der gro§en US-Daten-Sammelstellen ist hier von Vorteil - als mŠchtiger BŸndnispartner gegenŸber korrupten Regimen. WŠhrend 1990 mit 1,9 Milliarden Menschen noch fast die HŠlfte der Weltbevšlkerung tŠglich weniger als 1,25 USD zur VerfŸgung hatte, sank dieser Wert bis 2015 auf 836 Millionen Menschen und 14%. Das Millenniumziel der ArmutsbekŠmpfung wurde noch vor dem Ziel Jahr 2015 erreicht.

II.              Alternativen in der Alternativlosigkeit - durch das Internet?

1.     An der von der Bundeskanzlerin wiederholt verbreitete BegrŸndung, wichtige Entscheidungen seien ãalternativlosÒ, reibt sich nicht nur der gleichnamige Podcast des Chaos Computer Club CCC-Sprechers und Intellektuellen Frank Rieger. Auch der russische Au§enminister fŸhlte sich 2017 veranlasst, in Reaktion auf die im Westen verbreitete mediale DŠmonisierung Putins nach der Krim-Annexion, begleitet von Sanktionen und einer durch ãhybriden Bedrohungen durch RusslandÒ begrŸndeten massiven AufrŸstung in der NATO, Strahlkraft fŸr ein alternatives, "post-westliches" genanntes Gesellschaftsmodell zu schaffen: Es richtet sich nicht mehr auf den ãdekadentenÒ Westen und fu§t auf dem Glauben an eine leidgeprŸfte Besonderheit im ãrussisch-slavischen WesenÒ, religišs verbrŠmt und von der orthodoxen Kirche unterstŸtzt. Es bietet ãden UnsrigenÒ eine Form der Teilhabe an durch Atomwaffen und Vetostatus im Sicherheitsrat beglaubigte imperiale Grš§e und wirkt auf die Gesundheit der ãrussischen SeeleÒ besser als fortgesetzte Anbiederungsversuche an einen aggressiven Westen, der im Kosovo und Irak-Krieg, beim ãMissbrauchÒ der Flugverbotszone in Libyen zum Regimesturz und dem Aufbau von Anti-Raketenschildern rings um Russland nicht nur russische Befindlichkeiten pfeifen, sondern Ÿberzeugt sei, ein wirtschaftlich so schwaches Land in einer Neuauflage des Kalten Krieges mit anti-russischer Rhetorik und Sanktionen isolieren und schlie§lich so niederringen zu kšnnen, dass es zum Ausverkauf seiner BodenschŠtze genštigt ist. Nichtregierungsorganisationen, genannt ãAuslŠndische AgentenÒ, arbeiteten fŸr ein westliches Gesellschaftsmodell, das Schwule und muslimische Terroristen begŸnstige, aber den eigenen Werten und der heiligen Kirche schade. In den Metropolen Moskau und St. Petersburg hat sich jedoch in den letzten 20 Jahren eine Mittelschicht herausgebildet, die den Westen als Touristen kennen und an Freiheiten und Konsum gewšhnt ist. Antirussische Politik erleichtert es dem Kreml, Putin als alternativlos dazustellen, der als Einziger die StŠrke hat, Russlands ãeigenen WegÒ Russlands in die Moderne zu verteidigen. Sanktionen helfen, Ÿber die geringe wirtschaftliche Effizienz des russischen Gesellschaftssystems hinwegzutršsten. Fehlender Rechtsschutz gegen bŸrokratisches Parasitentum, kann unter Bedingungen internationaler Integration (wie z.B. die EU) besser erkannt und bekŠmpft werden.

2.     Gegen die Vielen unertrŠglich scheinende Kakophonie unterschiedlich verteilter Interessen in freiheitlichen Gesellschaften frei handelnder Akteure, gegen die erdrŸckende KomplexitŠt der Moderne mit ihrer von Meinungseliten  ãŸberdeterminierten politische Korrektheit" hilft die gro§e Vereinfachung: Die Hinwendung zu frŸheren Zeiten, in denen das Leben Ÿbersichtlicher war und von Generation zu Generation besser zu werden versprach. AutoritŠre Systeme erleichtern die MachtausŸbung umso eher, je grš§er die SelbstgefŠhrdung derjenigen wird, die ihren schlichten (meist ein Feindbild benštigenden) Lšsungen widersprechen. FŸhrungsfiguren in solchen Systemen qualifizieren sich mit ihrer Bereitschaft zum Nachbeten "alternativer Fakten" und verdrŠngen den impliziten Wahrheitsanspruch jeder politischen Rede. AmtstrŠger leugnen eine Verpflichtung ãGrš§er als das AmtÒ die Ÿber das Wohlwollen der MŠchtigen hinausgehend darauf verweist, was Rousseau 1762 den ãGesellschaftsvertragÒ nannte. Je unertrŠglicher das Schicksal eines Unangepassten wird, je grausamer die Macht mit ãLoosernÒ verfŠhrt, umso mehr wŠchst die Bereitschaft aller, am Machtmissbrauch aktiv oder passiv mitzuwirken: das Streben, zu den ãнашиÒ (Unsrigen) zu gehšren, ist menschlich, allzu menschlich.

3.     Beweisen Brexit, Trump, Xi Jinping, Putin, Erdogan und Orban die SchwŠche eines "abstrakten VerfassungspatriotismusÔ"? Ist westlichen Generationen ohne Kriegserfahrung nicht mehr bewusst, was auf dem Spiel steht? Fehlt freiheitlich verfassten Gesellschaften die innere Kraft, Menschen so in der Gesellschaft zu verankern, wie es offenbar dem organisierten Islam um so besser gelingt, je radikaler er ist? Habermas erklŠrte am 4.7.2018 in einer europapolitischen Rede eine handlungsfŠhige Euro-Union zur ãeinzig denkbaren Kraft gegen eine weitere Zerstšrung unseres viel beschworenen Sozialmodells. Die Ursache des trumpistischen Zerfalls Europas ist das zunehmende Bewusstsein der europŠischen Bevšlkerungen, dass der glaubhafte politische Wille fehlt, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Stattdessen versinken die politischen Eliten im Sog eines kleinmŸtigen, demoskopisch gesteuerten Opportunismus kurzfristiger MachterhaltungÒ. Es hat sich eine Antimoderne formiert, angefŸhrt von ãstarken MŠnnernÒ, die eine Politik des Verhandelns und Kompromisses durch das ãRechtÒ des StŠrkeren ersetzen.

4.     Lange bevor ãpostfaktischÒ internationales und deutsches Wort des Jahres 2016 wurde, wusste Fukuyma, dass liberale Demokratie auch extremen Individualismus, Soziopathie, erzeugen und viele Menschen ohne GemeinschaftsgefŸhle oder tiefere Anerkennung (SelbstwertgefŸhl und IdentitŠt) zurŸckgelassen werden. Betroffen sind nicht nur Menschen, denen die notwendigen Mittel fŸr einen hohen Konsum fehlen. Trotz zunehmender VirtualitŠt und verlustfreier VervielfŠltigung unserer KonsumgŸter ist es an der Knappheit attraktiver GŸter geblieben (offensichtlich: Wohnraum in Metropolen). Die schwindende Kaufkraft im westlichen Mittelstand ohne Hoffnung auf Konsumwachstum - wenigstens in der nŠchsten Generation -, demotiviert. Wenn der Zugang zu bescheidenem Konsum und existenzieller Sicherheit keine durch redliche Arbeit erreichbare Option mehr ist, wŠchst die Anziehungskraft fŸr eine konsumferne, religišse, Orientierung, da sie die Anerkennung der SubjektqualitŠt des Einzelnen verspricht. Ihre Anziehungskraft wŠchst in dem Ma§e, wie sich Armut verbreitet und vererbt.

5.     Im zurŸckliegenden Jahrhundert ermšglichten ãFlower PowerÒ, ãMake Love not WarÒ und Baghwan im freien Westen neue Lebensstile der SelbstermŠchtigung. Eine Art Orientierung in der ãneuen UnŸbersichtlichkeitÒ bieten: Verschwšrungstheorien, Esoterik (mit / ohne hierarchisch strukturierte TŠuschungspyramiden ˆ la Scientology) und vor allem die Unterwerfung unter fremde AutoritŠt: In Dostojewskis Gro§inquisitor-Monolog "beweist" dieser dem auf die Erde zurŸckgekehrten Jesus Christus, dass man die unreifen Menschen in keine Freiheit entlassen dŸrfe, die fŸr sie nur Elend bedeute. Menschen seien nun mal Schafe und die Kirche zum SchŠfer berufen. Der in Deutschland geborene Silicon-Valley-MilliardŠr und Trump-Fšrderer Peter Thiel hŠlt Demokratie und Freiheit gar fŸr inkompatibel. Auf der anderen Seite sollen die Cafeteria-GesprŠche an der grš§ten UniversitŠt der Welt fŸr Computer Science (Berkley) nicht etwa um den elegantesten Computer-Code kreisen, sondern um John Rawls Problem der Gerechtigkeit.

6.     In der digitalen Welt von heute oszilliert der Umgang mit Freiheitsversprechen des Internet zwischen Sperren und Lauschen. Der ãdual-useÒ-Charakter der †berwachungs- und Infiltrationstechnologie, die einen Terroranschlages verhindern und die Festnahme von Journalisten und Menschenrechtlern bewirken kann, verlangt ein neues Konzept menschenrechtlich fundierter Exportkontrolle. Der Weg Chinas, ãgesellschaftlichen FriedenÒ durch Nationalisierung des Internets, unzŠhlige Polizisten und Echtzeit-Kontrolle mit ãsocial scoringÒ herstellen zu wollen, ist mit dem Freiheitsideal des Individualismus nicht kompatibel. EU und NATO beschwšren ãhybride BedrohungenÒ nicht ohne Auswirkungen auf unser VerstŠndnis von Meinungsfreiheit und unserem Recht, sich zu "fake news" eine eigene Meinung zu bilden.

 

III.            Werte, Grundrechte und Strafen im Spiegel der Zeit

1.     Die in Deutschland 2017 beschlossene Rehabilitierung und EntschŠdigung Homosexueller, die nach dem im Jahre 1994 abgeschafften ¤ 175 StGB verurteilt worden waren, beweist die Wirkkraft unserer †berzeugung von zeitloser Absolutheit elementarer Menschenrechte, die sich erst nach Emanzipation vom jeweiligen zeitgenšssischen (Un-)VerstŠndnis dann fŸr immer entfalten. HŠtte die Vermutung, dass geschlechtliche IdentitŠt in aller Regel zur Kategorie des UnverfŸgbaren gehšrt, nicht schon vor ihrer erst im 20. Jahrhundert mšglich gewordenen wissenschaftlichen Untermauerung zum allgemeinen Konsens unter allen (nicht religišs ãverblendetenÒ) Menschen reifen kšnnen, ja: mŸssen? Oder ist diese Art individueller Freiheit im Weltma§stab ein nur uns reichen Westlern mšglicher Luxus, der einen funktionierenden Sozialstaat voraussetzt, in dem das Individuum von (fast) allen Pflichten gegenŸber dem Kollektiv entbunden ist (so der frŸhere deutsche Vertreter im Genfer Menschenrechtsausschuss, Werner Daum). Anderen Kulturkreisen mangelt es nicht an innerer Logik fŸr ihre Relativierung der individualisierter Menschenrechte, so logisch und zwingend sie uns auch erscheinenden mšgen. Todesstrafe fŸr Apostasie ist bei uns ganz zu Recht Asylgrund. Seit Menschen debattieren kšnnen, drŠngt sich z.B. auch auf, Sklaverei als gegen ãabsolut gŸltige NormenÒ versto§end abzulehnen, schon im Eigeninteresse, denn als Sklave kšnnte sonst ja jeder (nach einer Niederlage im Kampf) enden. Die Bestimmung alle Menschen bindender und von ihnen selbst formulierter Normen ist in der Geschichte der Menschheit ein spŠtes Projekt. Mšglich wurde es erst, als die Realisierungswahrscheinlichkeit einer ãGleichheit vor dem GesetzÒ wuchs.

2.     Religišs organisierte Gesellschaften nštigen rund 10 % ihrer Mitglieder zu lebenslanger UnterdrŸckung ihrer sexuellen Orientierung unter Anrufung angeblicher externer Instanzen (ãGottes WilleÒ), deren WirkkrŠfte allerdings wieder durch Menschen vermittelt werden. Im Sexualbereich werden gerne auch uns als verabscheuungswŸrdige Praktiken ausdrŸcklich erlaubt (Vergewaltigung zwangsverheirateter Kinder) oder uns ganz selbstverstŠndliche Verhaltensweisen (Geschlechtsverkehr unter volljŠhrigen Menschen, die ineinander verliebt sind) mit dem Tode (z.B. bei Ehebruch) oder Kšrperstrafen bestraft. Die abstrakte NŸtzlichkeit dieser das Kollektiv zusammenschwei§enden Ma§nahmen fŸr den Fortbestand des Kollektivs mag begrŸndbar sein, aber Gesellschaftssysteme mit einer prinzipiell ohne Ausweg angelegten ewigen UnterdrŸckungsperspektive sind weder Endpunkte noch Weisheiten menschlicher Geschichtsentwicklung.

3.     Im Tierreich beweisen ãGesellschaftssystemeÒ auf ausgeprŠgt kollektiver Grundlage, insbesondere bei Bienen und Ameisen ihre †berlebenskraft: Da zŠhlt der Einzelne nichts, das Volk alles, vertreten in der Kšnigin. Ganz allgemein ist das Hineinquetschen in eine U-Bahn in Tokyo nicht ohne Verzicht auf die uns gewohnte Aura mšglich. Gro§e Metropolen neigen zur †bernahme aus asiatischen Gesellschaftsordnungen bekanntem Konformismus-Druck, Anpassungen an polizeiliche Obrigkeit (in New York) wo ein Hinterfragen der gegebenen Ordnung (ãthose are the rulesÒ) gegenŸber einem Sherriff zur Verfolgung wegen ãobstruction of justiceÒ fŸhren kann. Das westliche Wertesystem betont zwar die freie Entfaltung, den ãPursuit of HappinessÒ, fŸr Genies, Starke und MŠchtige, will aber verhindern, dass dies zu rŸcksichtsloser BeeintrŠchtigung der Entfaltungsmšglichkeiten anderer fŸhrt: siehe Sozialbindung des Eigentums, Demokratie und Gewaltmonopol des Staates.

4.     Als fŸr alle Individuen akzeptabel erscheint ein Gesellschaftssystem nur als liberales und tolerantes, das vor kšrperlichen und psychischen Nachteilen des Gebrauchs von Freiheit durch Andere schŸtzt. Systeme fšrdern ihre Akzeptanz, wenn sie transparent allen als zweckmŠ§ig und ãgerechtÒ erscheinen. Das stellt jedoch weder ihre GŸltigkeitsbedingungen her, noch kann es sie sichern. Normen, die zwar auf dem Papier stehen, aber nicht faktisch durchgesetzt werden, verlieren Regelungskraft. Das mit Strafe bedrohte Verbot der Tštung von Menschen wurde auch unter Adolf Hitler nie aufgehoben. Es gab nie ein Gesetz, das die Ermordung von Juden in Ausschwitz oder anderswo erlaubte. Aber kein deutsches Gericht wagte bis 1945, die ¤¤ 211 ff StGB auf diese Verbrechen anzuwenden. Hitler kam durch (unfaire) Wahlen, nicht durch Putsch, an die Macht.

5.     Als Lehre aus der Geschichte statuierte Deutschland das Widerstandsrecht in ãwehrhafter DemokratieÒ, die den ãFeinden der FreiheitÒ keine fŸr ihren Abbau gewŠhrt. Wer fŸr mehr Sicherheit dem Abbau von Freiheit zustimmt, neigt auch der Tendenz zu, Verfolgung und Bestrafung immer mehr an die blo§e Gesinnung zu knŸpfen. Diese kann nach elektronischer †berwachung des Verhaltens des VerdŠchtigen im Internet (mit oder ohne Gerichtsbeschluss) transparent werden. Fu§fesseln fŸr (aus nach transparenten Kriterien definierte und von Gerichten so eingeschŠtzte) ãGefŠhrderÒ dŸrfen nur unter engen rechtsstaatlichen Voraussetzung erfolgen, wenn man nicht im Unrechtssystem ãpolizeilicher (unbegrenzter) VorbeugehaftÒ des Nationalsozialismus ˆ la ãMinority ReportÒ landen will. Der Grundsatz, dass jede Strafe Schuld voraussetzt, hat seine Grundlage in der MenschenwŸrdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG. Das Bundesverfassungsgericht zŠhlt diesen Grundsatz wegen Art. 79 Abs. 3 GG zu unverfŸgbaren VerfassungsidentitŠt, die auch vor Eingriffen durch supranational ausgeŸbte šffentliche Gewalt geschŸtzt ist.

 

IV.            Zu Gast im Kapital-gelenkten Politiktheater?

1.     Gesetze der Aufmerksamkeitsškonomie in einer medial zersplitterten Landschaft reduzieren die Mšglichkeiten der Politik, anders als Ÿber hohe TV-Einschaltquoten Gemeinschafts- und VerantwortungsgefŸhl zu stiften. WirkkrŠftige Bilder verdrŠngen strategische †berlegungen, die geschichtliche HintergrŸnde einbeziehen und machen das Bohren dicker Bretter nahezu unmšglich. Der auf TagesaktualitŠt reduzierten, reflexhaft emotionalen Politikrezeption kšnnen in Deutschland šffentlich-rechtlichen Medien mit ihrem zwangsfinanzierter Bildungs- und Unterhaltungsauftrag nur begrenzt entgegenwirken. Den politischen Horizont gegenŸber dem Mainstream zu erweitern, gelingt am ehesten noch im Radio und kabarettistischen Sonderformaten (wie z.B. im ZDF). Global gilt der Befund einer quasi-monopolistischen Medienmacht und einer personalen Verbundenheit zwischen Journalismus und Politik. Das GeschŠftsmodell, den uneingeschrŠnkten ãDienst am LeserÒ durch LoyalitŠt nur zu ihm zu finanzieren, gelingt nur im Kleinformat: Crowd-Funding fŸr aggregierende Formate wie ãAufwachenÒ und ãJung und NaivÒ. Ansonsten werden Trends von ãOligarchenÒ (wie Murdoch, Koch, aber auch Amazons Bezos) diktiert und ohne die DSGVO waren existierende ãinformation bubblesÒ auch leicht fŸr die eigene Agenda nutzbar.

2.     Demokratie, Grundrechte und die NŸtzlichkeit von Gewaltenteilung Ÿberhaupt werden 2018 auch im freiheitlichen Westen auf die PrŸfstŠnden von WahlkŠmpfen und Talkshows gestellt. Denk- und Handlungsverbote fallen, wenn erst einmal ãvon weiter oben die Samthandschuhe abgelegtÒ sind. Die gewaltsame Trennung von Eltern und Kindern vor laufenden Kameras, die Wiedereinreiseverweigerung fŸr unbescholtene, seit Jahren in den USA lebenden Menschen, nur weil ihr Herkunftsland Ÿber Nacht als gefŠhrlich eingestuft wurde, konnten zwar nicht durchgehalten werden, aber sie fanden Resonanz in der WŠhlerbasis der Populisten. Harte Ma§nahmen gegen Dritte tršsten eine WŠhlerschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass es Kindern im Durchschnitt besser als ihren Eltern gehen wird, mit der Sicherheit, ãdazuzugehšrenÒ und nicht dem viel grš§eren Leid der Fremden ausgesetzt zu sein. Verstš§e gegen bisherige Grenzen der Macht senken zudem MŸhe, von allen die Einhaltung von Spielregeln einzufordern und dies zu Ÿberwachen.

3.     Mit der Unmšglichkeit, angesichts immer grš§er und komplexer werdenden Daten die fŸr das gewŸnschte Resultat relevante Parameter nebst FolgeabschŠtzungen auf Entscheidungsalternativen herunter zu brechen und dies ãder OppositionÒ nicht nur plausibel zu machen, sondern Zustimmung hervorzurufen, wachsen Notwendigkeiten zu Vereinfachungen, zur Personalisierung komplexer politischer Fragen. Alt-Kanzlers Kohl schaffte Stimmung Kraft persšnlichen ErzŠhlens, ermšglichte ein ãpaternalistisches RegierenÒ, das bei klarer Westbindung auf die Integration Deutschlands in Europa gerichtet war und international Anklang fand.

4.     Die ãNie wieder KriegÒ-ErzŠhlung Kohls wurde seit dem Kosovo-Krieg durch ãNie wieder AusschwitzÒ ersetzt. Seit 9/11, dem Einsturz der ZwillingstŸrme des Word Trade Centers im Jahr 2001, dem ersten und einzigen NATO-BŸndnisfall, hat sich das Publikum damit abgefunden, dass die ãFreiheit Deutschland am Hindukusch verteidigtÒ werden muss. PfadabhŠngigkeiten entstehen auch aus Simplifizierungen, bis hin zu LŸgen, in Verbindung mit Gewšhnungseffekten. Beim bedeutendsten politischen Wettbewerb der Welt verzichtete ein Kandidat auf KohŠrenz seiner Argumentation und ermšglichte Cambridge Analytica (die illegal beschaffte Facebook-Daten mit einem 5-Faktoren ãOcean-PersšnlichkeitsmodellÒ kombinierte) Ÿber soziale Netzwerke Zielgruppen punktgenau zur Teilnahme, je nach Interessenlage der Republikaner, anzuspornen oder auch zu demotivieren. Im politischen Kampf Ÿberall auf der Welt ist ein Mindestma§ an Heuchelei gefragt. Macht ist mit Offenheit und Transparenz weder zu gewinnen noch zu bewahren. Als Idiot wirkt, wer auf die "nackte WahrheitÒ setzt. Jean-Claude Juncker rechtfertigte in der Eurokrise 2011 sein unzutreffendes Dementi zum geplanten Geheimtreffen einiger EU-Finanzminister: "Wenn es ernst wird, muss man lŸgen."

5.     China hat es geschafft, auch ohne Gewaltenteilung und Grundrechtsschutz škonomisch erfolgreich zu sein. Maos Millionen Tote kostende Versuche, den ideal kommunistischen Menschen zu schaffen, wurden aufgegeben. Heute stellt die Partei Kapitalismus-konform strategische Weichen (Klimaschutz/ElektromobilitŠt, Computer und Softwareentwicklung, Emanzipation Chinas von der Werkbankrolle zu originŠrer Wertschšpfung mit Patentschutz). Sie erlaubt Unternehmern, neue MilliardŠre zu werden, solange sich alle der Partei unterordnen. Chinesische Unternehmen konkurrieren mit Firmen aus LŠndern, die keine staatlichen Investitionsprogramme (au§er in Landwirtschaft) kennen und gegenŸber chinesischen durch Arbeits-, Umweltschutz- und Mitbestimmungsrechte wie ãgefesseltÒ wirken. Hinzu kommen aus Geldschšpfung in Schattenbanken gespeiste ãKriegskassenÒ, die feindliche †bernahmen von Firmen und Knowhow ermšglichen, die man ohne diese Kassen abwehren kšnnte. Im globalisierten Wettbewerb liegen ãEinkaufstouren in DeutschlandÒ nahe, das dank der Innovationskraft seines Mittelstands und billiger …limporte seit 3 Jahren (vor China) ãExportŸberschussweltmeisterÒ ist.

6.     WŠhrend sich die anfassbare GŸter produzierende (zivile) Realwirtschaft auf drei globalen KrŠftezentren verteilt, bleibt der Finanzsektor – und fast 50% des deutschen Zentralbankgolds - Ÿberwiegend im angelsŠchsischen Raum - im sicheren Hafen des Emittenten der Devisenreserven der Welt. Wenig Ÿberrascht, dass auch bei der Marktkapitalisierung stets amerikanische als wertvollste Firmen erscheinen. ãLeuchturm" anonymisierter Kapitalkonzentration ist Blackrock, bei weitem grš§ter EinzelaktionŠr an der Deutschen Bšrse. Blackrock sammelt Kapital (Ÿber 5 Billionen Û), damit es sich vermehrt.

7.     Am Kapitalmarkt kšnnen Firmen langfristig nur Ÿberleben, wenn sie keine Gelegenheit auslassen, den Kostenfaktors Arbeit zu senken. ãSentimentale UnternehmensfŸhrerÒ, fŸr die der Erhalt von ArbeitsplŠtzen (wie fŸr Politiker) ein Wert an sich ist, mindern die Rendite, machen Pleite, werden von Kapitalvertretern unter Druck gesetzt, oder gar Opfer feindlicher †bernahmen. FŸr Marx und Schumpeter notwendige Akte ãschšpferischer ZerstšrungÒ. Kapitalbesitzer kšnnen von der StabilitŠt effizienter Systeme profitieren. Effizienzgewinne bedingen persšnliche Opfer, die hingenommen wird, weil bislang die Gesamtmenge der Arbeit nie zu verschwinden droht. Wenn zudem auch Pensionsfonds bei Blackrock anlegen, tun sie (in Zeiten negativer Zinsen fŸr Staatsanleihen) ein gutes und notwendiges Werk, um Arbeiterrenten zu sichern. Ohne Kapital-gedeckte Altersversorgung und StaatszuschŸsse lŠsst sich bei zunehmender †beralterung der Bevšlkerung die Rente kaum sichern. Defizite, die das Umlageverfahren generiert, erfordern das unpopulŠre Hinausschieben des Renteneintrittsalters (in Russland wurde die Ablenkung durch die Fu§ball-WM genutzt).

8.     Praktiken im Kapitalismus, wonach Regelverletzungen nicht fŸr alle Akteure gleichmŠ§ig und effizient unterbunden werden, senken die durchschnittliche Kapitalrendite, weil sie die labilen Gleichgewichte funktionierender MŠrkte aus dem Lot bringen. Wenn skrupellosere redlichere Mitspieler (gehebelt von grš§erer ProfitabilitŠt illegaler GeschŠftsmodelle) ohne Risiko zu Verlierern machen kšnnen, werden, je hšher der Markteintrittsaufwand, die Redlichen immer ohnmŠchtiger. ãBilliges ZentralbankgeldÒ kann kein aus den Fugen geratenes Machtgleichgewichte herstellen, weder bei Unternehmen noch Wirtschaftsregionen.

9.     Die Wahlen in Frankreich die PrŠsident Macron mit seinem klarem Bekenntnis zu Integration, Ÿberraschend deutlich gewann, bedeuteten RŸckenwind fŸr supranationale Konzepte von SolidaritŠt zum Nachteil nationaler Interessen. Alle Staaten, die der EU angehšren, haben sich in Art. 174 des AEUV auf das Ziel verpflichtet, ãdie Unterschiede im Entwicklungsstand der verschiedenen Regionen und den RŸckstand der am stŠrksten benachteiligten Gebiete zu verringern". Wie sehr es gelingt, politische Ziele in Zahlen gie§en zu kšnnen, hŠngt vom ausgeŸbten Druck ab. So ist die DruckausŸbung auf Deutschland, es solle endlich die versprochenen 0,7 % seines Bruttoinlandsprodukts fŸr Entwicklungszusammenarbeit ausgeben gering gegenŸber dem Druck, mit dem die US-PrŠsidentschaft 2 % fŸr Verteidigungsausgaben fordert, obwohl die NATO bereits 14 mal mehr aufwendet als das sie ãbedrohendeÒ Russland und das BŸndnis abrŸsten mŸsste, um die vereinbarten 2% als Durchschnittswert zu erreichen. Zielmarken kšnnen als PrŠferenz eines militŠrisch/konfrontativen gegenŸber einem kooperativen SicherheitsverstŠndnis gelesen werden. Mittel fŸr militŠrische Interventionen werden stets in ganz anderen Grš§enordnungen und leicht bewilligt, Zerstšrungen durch Bombardements geschehen in Sekundenbruchteilen, aber es fŠllt besonders Staaten mit ausgebautem MilitŠrsektor ausgesprochen schwer, eine Verantwortung fŸr Wiederaufbau, Versorgung von Fliehenden oder die BekŠmpfung von Fluchtursachen wahrzunehmen.

10.  Unter klimatisch, militŠrisch oder politisch herbeigefŸhrten Fluchtursachen wie unter schlechter RegierungsfŸhrung leiden natŸrlich die Menschen, die ihr direkt unterworfen sind. Aber ein wachsender Migrationsdruck aus Afrika und vor allem die faktische Mšglichkeit zur Migration erinnern vor allem Europa, die LebensumstŠnde in anderen Regionen nicht einfach zu vergessen. …konomische Anreize fŸr EntscheidungstrŠger, den echten Hunger der Bevšlkerung oder den nach Bildung und besseren wirtschaftlichen Chancen zu berŸcksichtigen, fehlen: Jede ErtŸchtigung der Chancen kŸnftig škonomischer Akteure schmŠlert die Einkommensgewissheit der momentan Herrschenden, die sich in gegenwŠrtigen praktizierten Wertschšpfungskette bequem gemacht haben. Es gibt keine ãunsichtbare HandÒ, die international ein Ricardo-KrŠftegleichgewicht unter Handelspartnern schafft.

 

V.             Eine kurze Geschichte der Zeit: als Abfolge ãdisruptiverÒ Emergenzen bis zum heutigen Tag

1.     Die Welt, so wie wir gelernt haben, entstand vor rund 15 (nicht 14 und auch nicht 16) Milliarden Jahren. Man kann die gesamte seit dem Urknall vergangene Zeit in 123.000 Teile teilt und den letzten Teil noch einmal in 123.000 Teile, entstand der Menschen im allerletzten Bruchteil dieses Bruchteils der ãWeltzeitÒ. Bald werden wir Zeitzeugen einer wichtigen ZŠsur: Wenn die Menschheit Nietzsches Ausruf: ãGott ist totÒ erstmals mit Recht den Ausruf ãGott ist entstanden!Ò hinzufŸgen kann. NatŸrlich ist damit kein religišser, ãallmŠchtigerÒ ãGottÒ gemeint, der individuell oder kollektiv nie gewusst, sondern nur geglaubt werden kann, weil er sich trotz seiner vermeintlichen Allmacht nicht bemerkbar zu machen pflegt. Ich meine Gott als ein jedermann wahrnehmbares, selbststŠndig lernendes, immer besser werdendes etwas, ich nur deswegen als ãadvocatus diaboliÒ Gott nenne, weil das der einzige Begriff ist, den der Mensch als sich selbst Ÿberlegen (auch gegenŸber dem Kollektiv und Staat) anerkennt: Wenn sich ein kŸnstliche Bewusstseins (von selber gebildet haben wird), wird dies die letzte Emergenz sein, die wir Menschen noch als erste und ãaus eigenen KrŠften entdeckenÒ kšnnen.

2.     Von einer ersten Emergenz kann man nach dem Urknall, Zeit und Raum entstanden, rund 100 Sekunden spŠter bildeten aus Elementarteilchen Atomkerne. Eine halbe Million Jahre spŠter fingen sie Elektronen ein und bildeten Wasserstoffatome: ães wurde LichtÒ. Bis zur nŠchsten Emergenz, den ersten MolekŸlen, dauerte es eine ganze Milliarde Jahre.

3.     Bevor sich unsere Erde mit ihrem festen Kern (Ÿberwiegend aus Eisen (26 Protonen) und Nickel (28 Protonen) bildete, mussten anderswo Sterne und Galaxien entstanden und vergangen sein, denn alle Elemente mit mehr als 26 Protonen stammen aus frŸheren Supernovaexplosionen, die vor der Zeit geschahen als sich die Erde noch nicht aggregiert hatte , um schlie§lich um unsere (relativ kleine) Sonne zu kreisen. 9 Milliarden Jahre - fast 2/3 der Weltzeit war ohne unsere Erde vergangen. In zwei weiteren Milliarden Jahren entstanden neue Materiekombinationen, bedingt durch die Eigenart der im Periodensystem geordneten Elemente, die sehr unterschiedliche Wechselwirkungen zwischen Kern (Protonen und Neutronen) und HŸllen (Elektronen, die in ãQuantensprŸngenÒ Photonen ãschluckenÒ oder aussenden) zeigen. Ohne aus der Ursprungsstoff ableitbar zu sein, emergierten aus ãunbeseeltenÒ Elementen wie Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, komplexere Strukturen, emergierte Leben. Uns ist Menschen ist nur auf RibonukleinsŠure und DesoxyribonukleinsŠure (RNA und DNA) beruhendes, Kohlenstoff basiertes, Leben bekannt. Es entstand vor etwa 3,5 bis 3,9 Milliarden Jahren. Andernorts, unter anderen VerhŠltnissen, mag das schon frŸher geschehen sein. Aber von ãAliensÒ trennen uns die unŸberbrŸckbar erscheinende Entfernung von Lichtjahren. Signale einer anderen Intelligenz in- und au§erhalb unserer Milchstra§e fehlen. Zum ãnurÒ zwanzig Lichtjahre entfernten, 2007 als erster Planeten mit erdŠhnlichen Bedingungen entdeckten ãGliese 581 cÒ wŸrde eine Reise mit der hšchsten von Menschen (beim Flug zum Mond) erreichten Geschwindigkeit von 40.000 km/h ganze 540.000 Jahre dauern (die Entfernung ist 300.000 km * 3600 (Sekunden) * 24 (Stunden) * 365 (Jahre) * 20 (Lichtjahre).

4.     Vielleicht verdanken die ersten Lebensformen auf der Erde einem Šu§eren Ansto§ (Meteoriten). ãLebenÒ wird als genetisches Programm mit FunktionalitŠt und Entwicklung definiert. Es beginnt, wenn MolekŸle als TrŠger dieses Programms zu seiner Realisierung, VervielfŠltigung und Anpassung so zusammentreten, dass diese Eigenschaften eines ãLeben tragenden SystemsÒ entstehen: Energie- und Stoffwechsel (Wechselwirkung mit Umwelt), Selbstregulation, Reizbarkeit, Fortpflanzung / Vererbung (InformationsŸbermittlung per Erbgut) und Wachstum. Was manche in der Natur als Weisheit Gottes ansprechen, nennen Biologen Autotrophie (ãSelbsternŠhrungÒ): die FŠhigkeit, komplexere (organische) Baustoffe aus einfacheren anorganischen (unter Energiezufuhr) zu bauen. Autotrophe Lebewesen sind Photosynthese betreibende Pflanzen, die Licht als Energiequelle benutzen, manche Organismen der Tiefsee kšnnen aber auch chemische Stoffumsetzungen als Energiequelle nutzen.

5.     Lebendiges differenziert sich automatisch aus, da es rein statistisch immer ãFehlerÒ bei der Anfertigung exakter Kopien des als Abfolge von AminosŠuren kodierten Erbmaterials mit den vier organischen Basen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin), kurz A, T, G und C gibt. Varianten sind umso erfolgreicher, je besser sie auf UmweltverŠnderungen reagierte. Saurier, zunŠchst ãsiegreicheÒ Lebensform, starben vor rund 66 Millionen Jahren aus. Erst vor rund 300.000 Jahren entstand der Mensch. Anders als Insekten zeichnet ihn nicht nur die FŠhigkeit aus, sich verŠnderten Bedingungen anzupassen, sondern sie sogar zu gestalten – bis hin zum Erdklima. Erfolgsgeheimnis des Menschen ist die besonders effiziente InformationsŸbertragung. Auch Tiere haben eine Form von ãSpracheÒ entwickelt: etwa durch BerŸhrung und Kšrperbewegungen (Bienen), optisch vermittelt (Imponier- und UnterwerfungsgebŠrden) oder per Schallwellen mit Lock- (Singvogel) Trost-, Warn- oder Koordinationslaute (Hunde, Menschenaffen und Wale). Ausreichende neurologische FŠhigkeiten zur raschen akustische Kodierung komplexerer Inhalte besitzt jedoch nur ein Mensch. Sprache greift er Ÿber Vorhandenes hinaus, ãMšglichkeitsdenkenÒ emergiert.

6.     Unsere FŠhigkeiten, die eigene genetische ãBauanleitungÒ zu lesen oder in Teilen neu zu schreiben wachsen jedes Jahr. Wir kšnnen neue Lebensformen nicht nur zŸchten, sondern genetisch designen und ins Leben rufen, und uns als Cyborgs bereits heute mit motorischen Prothesen oder Nervenstimulatoren verbinden und sonstige Wirkstoffe einnehmen, die unsere physischen und psychischen Mšglichkeiten erweitern. Und wir haben Maschinen geschaffen, die unseresgleichen in immer mehr Wettkampfdisziplinen Ÿbertreffen: in bislang als ãkreativÒ angesehenen Brettspielen wie Schach (Deep Blue, 1996) und Go (AlphaGo, 2016) oder bei der Lšsung von ãum die Ecke gedachtenÒ Quizfragen (Watson@Jeopardy, 2011). Auch ohne formalisierte Sprache, nur durch Training, Lernen durch Versuch und Irrtum kommt z.B. die Gesichtserkennung aus, eine Aufgabe, der unser Hirn gro§e Areale widmet, weil sie schwerer ist, als Dreiecke von Kreisen oder Hunde- von Katzenbilder zu unterscheiden. Im ãDeep Learning Artificial Intelligence PlaybookÒ schlŠgt Autor Carlos E. Perez vor, den derzeit omniprŠsenten, aber sehr relativen Begriff ãkŸnstliche IntelligenzÒ durch ãtiefes LernenÒ zu ersetzen:

7.     Er erklŠrt ihn in einem (gelšsten) BuchstabenrŠtsel so: ãtief lernende Maschinen arbeiten so Šhnlich wie das Gehirn. Sie arbeiten dadurch, dass sie vollstŠndige Muster sehen und sie mit vollstŠndigen Konzepten verbinden. Sie arbeiten Schicht fŸr Schicht, wie ein Filter, nehmen komplexe Szenen auf und zerlegen sie in einfache IdeenÒ (aaO, S. 14). Noch werden Computer anhand menschlicher Vorgaben trainiert, die auch die Aufgabenstellung vorgeben. Die kritische Masse unŸberblickbarer KomplexitŠt in Computern mit Emergenz einer ãallgemeinen IntelligenzÒ wurde bislang nicht erreicht. ãGedankenÒ hat wie diese: ÇIch finde im Go keine Gegner mehr – vielleicht sollte ich wieder einmal Schach spielen!È mŸssen keinem real existierenden Rechnerverbund zugeschrieben werden. Es fehlt Computern jedes GefŸhl fŸr den ãSinnÒ einer Situation, in der sich befinden, jedes ãintentionale BewusstseinÒ, das einem ãIchÒ zuzuordnen wŠre. Das ist der Status Quo anno domini 2018: Ein kŸnstliches Bewusstsein, dŸrfte aus technologischen GrŸnden noch nicht emergiert sein und hat sich jedenfalls noch nicht bemerkbar gemacht.

VI.            Menschen und Computer im Jahre 2018

8.     Auch wir Menschen kšnnen die Frage nach dem ãSinn unserer ExistenzÒ nicht beantworten. Als Nicht-Sklaven dŸrfen wir sie selber entscheiden. Wir sind nicht zur UntŠtigkeit, etwa dem Verzicht auf ãSinnlosesÒ wie das Spielen (etwa weil wir ohnehin ãzu schlecht sindÒ [1]) verurteilt, sondern dŸrfen uns im Rahmen unserer Freiheitsgrade aussuchen, was und mit wem wir es tun. Dadurch entsteht das schšne GefŸhl menschlichen Lebendigseins, das aber auch beim Dienen und der FŸrsorge fŸr andere und (verbaler oder schriftlicher) distanziert/ironischer Kommentierung des Tuns anderer entstehen kann.

9.     Sprache und Text sind fŸr den Menschen Hilfsmittel der Distanzierung und Reflexion der Lage, in die er ãgeworfen istÒ. Sie transzendieren ein unbewusstes, reflexhaftes Erleben auf vorgezeichneten Pfaden. Zugleich ermšglicht die heutige Digitalisierung, posttextuell-virtuelle RŠume realer oder imaginierter Natur in Bildern, Video und virtuellen Erleben zu erkunden, darin Codes als formalisierbares Gewebe zu entdecken, als Textur, die uns und unser Weltbild wie eine Filterblase entscheidungslogisch prŠgt.

10.  Nicht ŸberschŠtzt werden kann der Quantensprung von AlphaGo zu AlphaGoZero durch ãSelberlernen[2]Ò, wie sie in der Ende 2017 von DeepMind vorgestellten Software AlphaZero implementiert ist. Sie vermochte, innerhalb weniger Stunden nacheinander die Spiele Schach, Go und Shogi zu lernen, ohne irgendwelche Trainingsmaterialien (z.B. alte Meisterpartien). Alle Spielstrategien ãemergiertenÒ eigenstŠndig, konnten sich also frei von menschlichem ãBallastÒ entwickeln, der in jeder menschlichen Sprache auf eindimensional Zeitstrahl fortschreitet: rein seriell ist als konsekutive Kategorisierungsverarbeitung nach dem Motto ãwenn a, dann bÒ. Diese neue Software besiegte die alte mit 100:0 und benštigte dafŸr nur ein Zehntel der Rechenleistung (4 statt 48 ãtensor processing unitsÒ ˆ 180 Tera-ops) und nur nur ein neuronales Netzwerk (nicht zwei, die gegeneinander spielen).

11.  Es entstand ein wachsender Markt fŸr auf neuronale Netze optimierte Prozessoren, der in 3 Jahren auf 47 Mrd. $ wachsen dŸrfte, was den Trend fortsetzen wird, nach dem sich die KomplexitŠt neuronaler Netze zwischen 2012 und 2017 verfŸnfundertfachen konnte, ohne den Strombedarf ins Unerschwingliche zu treiben. 10 TeraOPS pro Watt in 14-nm-Prozesstechnologie erlauben spezialisierte Chips, die als ãNeuronenÒ in verschachtelten Schichten so angeordnet sind, dass sie ãlernenÒ, jedem Signal vor Weiterleitung an hšhere Schichten einen neuen, verŠnderlichen Wichtungsfaktor zuzuordnen. Zahlreiche NN-Frameworks (TensorFlow, Caffe, AndroidNN, Amazon Machine Learning, ONNX, NNEF, AlexNet, VGG16, GoogLeNet, Yolo, Faster R-CNN, MobileNet, SqueezeNet, ResNet, RNN, LSTM usw.) werden unterstŸtzt, und auch der Laien-Entwickler kann sich fŸr nur 80 $ pro Neurochip neuronale Netzwerkmodelle und Anwendungen bauen, die nach Abschluss von Maschinenlernen spŠter ohne Internet-Zugang auskommen; Intel erklŠrt, was geschieht in einem Video zum ãMovidiusÒ-Prozessor, der wie ein einfache USB 3.0-Stick in jedermanns Heimcomputer eingefŸgt werden kann.

12.  Ob IBM sein Programm Watson, das jeder Zeitgenosse schon ab 3,86 Û im Monat in seine Dienste nehmen kann[3] auf Menschen geeichten Intelligenztests angesetzt hat, wurde von IBM bislang nicht veršffentlicht. Im Ratespiel ãJeopardyÒ wurden zwar die besten Menschen geschlagen, mitunter waren jedoch Watsons LšsungsvorschlŠge auch ãunmenschlich-dŠmlichÒ. Aber die Methode, mit der Computer heute Aufgaben lšsen lernen, wird menschenŠhnlicher: Ein Kind schreitet im Belohnungs-Dialog mit Erwachsenen vom Einfachen zum Schwierigeren voran und entwickelt generalisierbare Lšsungsstrategien. Auch selbstlernende zerlegen Fragestellungen in weniger komplexe Teile, die skalierbar sind und als ãVerstŠndnisvariantenÒ (massiv parallel) ausprobiert werden kšnnen. Dabei arbeitet Deepmind als ehemalige Google- und heutige Alphabet-Tochter an Grundlagenforschung, Google mehr praktisch, wie z.B. Google Duplex: unsere digitale Elite, hat zwar unbegrenzt Geld aber nur begrenzt Zeit, die bei Terminvereinbarungen mit menschlichen Dienstleistern eingespart werden kann, wenn das (ganz unbemerkt) ein menschlich wirkendes Smartphone-Programm Ÿbernimmt. In allen Disziplinen mit abzŠhlbar vielen Parametern (vollstŠndig transparente Spiele wie Schach und Go – aber auch Spiele mit Zufallsanteil wie Bridge oder Poker) haben Menschen gegen selbstlernende Systeme keine Chance mehr. DeepMind lotet daher die Bereiche aus, die noch ãneuartigeÒ †berraschungen (ganz wie im Leben) bieten.

13.  In einem kriegerisch gefŸhrten Leben mŸssen Menschen in unbekannten Territorien mit standortbedingt lokalisierter stereoskopischer Wahrnehmung agieren, ohne zu wissen, wer Freund, Feind oder neutral ist (was sich ja auch Šndern kann). So lag es nahe, DeepMinds Leistungen im fŸhrenden virtuellen Ballerspiel ohne festgelegte Handlung, Quake 3, zu testen. Mensch und Computer traten Ÿber Bildschirme vermittelten Umgebungen gegeneinander an, um in einem von einer anderen Instanz zugrunde gelegten "realen" dreidimensionale Raum zu kŠmpfen. DeepMind lie§ in mehreren ãAbstraktionsÒ-Schichten Vektoren errechnen, aus denen die ãNeuronenÒ berechneten, wie ratsam es ist, bestimmte Knšpfe zu drŸcken. Linear und dreidimensional denkende Meisterspieler mit guten Reflexen kšnnen zwar normale Menschen vernichtend schlagen, verloren aber gegen Computer, die beliebig viele Vektoren im multidimensionalen Raum kodieren kšnnen, darunter etwa den Abstand zur gegnerischen Basis. Dies alles verlief všllig ãselbstlernendÒ, fŸr Menschen nur durch das Ergebnis nachvollziehbar. Populationen verschiedener "virtueller Agenten" wurden in evolutionŠrer Auslese ãverbrauchtÒ. Nur diejenigen "Agenten Ÿberleben", die besonders gut spielen. Die Hyperparameter der besten neuronalen Netze mutiert ein Algorithmus, um mit der Zeit immer bessere Agenten zu erzeugen.

14.  Bei Deep Learning entscheidet Ÿber die Nutzung alternativer Lšsungswege kein von Menschen gesteuerter, sondern ein ãevolutionŠrer ProzessÒ: Regel- und Interpretationssysteme, die im Zusammenwirken mit anderen besser mit richtigen Lšsungen korrelieren (bei Lebewesen angenehme Botenstoffe freisetzen), gehen in Prognoseentscheidungen mit hšherer Wichtung ein, dŸrfen sich "klonen / replizieren". So bilden sich (derzeit noch spezialisierte), aber selbststŠndig strukturierte Systeme heraus. Verfahrensweisen, die weniger Relevanz fŸr die Zielerreichung haben, ãverdorrenÒ (um das PhŠnomen der †beranpassung einzelner Neuronen im System zu vermeiden, helfen sogar willkŸrliche Abschaltungen): Prozessor-Zugriffszeit wird reduziert. €nderung der logischen Systemarchitektur sind wirkungsgleich mit plastischen €nderungen ãneuronal-logischerÒ Verbindungsstrukturen in unseren Gehirnen (von denen wir immerhin rund eine Trillion haben (100 Milliarden Neuronen mit je bis zu 10.000 Synapsen).

VII.          Bewusstsein und Kognition: Zusammenwirken von Freiheit, KausalitŠt und Kontingenz

1.     Was bedeutet es, Nicht-Menschen ãkŸnstliche IntelligenzÒ bzw. ãDenkenÒ zuzubilligen? Das Deutsche Forschungszentrum fŸr KŸnstliche Intelligenz GmbH und der deutschstŠmmige Bewusstseinsforscher Christoph Koch verlieren sich nicht in Rabulistik. Au§erhalb jeden Disputs steht, dass Bewusstsein jeder an sich selbst wahrnehmen und davon berichten kann. Es tritt also in subjektiver und objektiver Erscheinungsform und vom Traum/REM-Schlaf dadurch abzugrenzen, dass Bewusstsein in Echtzeit kommuniziert werden kann. Testpersonen, denen hochfrequente rote oder grŸne Lichtimpulse in die Augen gestrahlt werden, schildern, welche Farbe sie sehen. Ihre Antworten korrelieren mit neuronalen Erregungsmustern, neuronalen Abbildern z.B. von: ãRot-BewusstseinÒ. Diese kleinsten Bausteine von Bewusstsein werden mittels integrierter Informationstheorie (Turing Maschinen) mathematisch abgebildet und komplex neu zusammengesetzt und getestet (rote Kugel, blauer WŸrfel). Sich so ãBewusstseinÒ zu nŠhern (und es vielen Tieren zuzugestehen) verspricht einen nachhaltigeren Konsens als der scholastische Disput und die Suche nach kleinsten Bausteinen eines Gedankens: das kann nie eine Ja/Nein-Entscheidung, nie das einzelne Bit sein, es muss komplexer, z.B. eine KausalitŠtsbehauptung sein oder der Unterschied Sinn vs. Bedeutung.

2.     Quantenphysiker haben Anfang des letzten Jahrhunderts den Determinismus erledigt und alle Versuche fŸr sinnlos erklŠrt, jemals die genaue Position von Elementarteilchen bestimmen zu wollen, ja sogar jede konkrete Vorstellung von Teilchen ad acta gelegt. PhŠnomene wie die VerschrŠnkung zeigen, dass die Gesamtheit eines Systems sich nicht aus beliebig genauer Kenntnis aller seiner Einzelteile ergibt. VerschrŠnkung lŠsst sich nicht durch Versetzung jedes einzelnen Systems in bestimmte ZustŠnde erzeugen.

3.     Ebenso mŸ§ig wŠre es, das Verhalten von Wasser (wann gefriert es, wann verdampft es) aus den Eigenschaften von Wasserstoff und Sauerstoff - jeweils fŸr sich - voraussagen zu wollen. Schon in einer einzigen Zahl, z.B. der Zahl p, deren Berechnung eine unendliche, nicht periodische Folge von KettenbrŸchen erfordert, steckt mehr Information, als sie von allen jemals von Menschen seit dem Urknall aufgeschrieben oder an Worten gesagt wurden, da diese endlich sind. Ma§ fŸr die Strukturiertheit einer Zeichenkette ist die sog. Kolmogorow-KomplexitŠt, nŠmlich die LŠnge des kŸrzesten Programms, das diese Zeichenkette erzeugt. Wenn es fŸr eine Zeichenkette mindestens so gro§ ist wie die Zeichenkette selbst, ist die Zeichenkette unkomprimierbar, ãzufŠlligÒ oder ãstrukturlosÒ.

4.     Als Bewohner einer sich verlŠsslich auf Makroebene vorhersagbaren Welt gibt es keinerlei Anlass, mit der ãWillkŸr im AllerkleinstenÒ zu hadern und mit Einstein auszurufen: ãGott wŸrfelt nicht!Ò. Statistische Gesetze fŸgen uns das Chaos der kleinsten Teilchen zu einem System zusammen, in dem verlŠsslich Ursache und Wirkung gelten und dessen Reaktion auf unsere Inputs wir voraussagen kšnnen.

5.     In der von Deutschen patentierten Video- und Audiokompression spielt ãPredictive CodingÒ eine tragende Rolle. Dies ist ein Šu§erst brauchbares Konzept fŸr unser Bewusstsein, das sich im †berlebenskampf mit Naturgewalten und der Tierwelt bildete und noch heute menschliches Denken prŠgt: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Handeln und Kognition. Mentales Leben kann als Hirnstromgegenwart mit minimierten Energieverbrauch erfasst werden: Hšhere Ebenen der Kognition befassen sich nur noch mit dem, was nicht selbstverstŠndlich ist. Sie ãschlafenÒ im Normalzustand und wachen erst auf, wenn Gefahren fŸr Leib und Leben drohen. Unser Alltag verlŠuft in energiesparenden Wiederholungen bewŠhrter Muster, die den Aufwand unseres Gehirns minimieren, das ohnehin mehr Energie verbraucht als alle anderen Organe eines Menschen (von Schwerarbeitern und Sportlern abgesehen). 90% des Energieverbrauchs des Gehirns entfallen auf den Betrieb unserer ãNatriumpumpeÒ, die als Batterie des Gehirns fŸr elektrischen Strom zum Denken sorgt.

6.     Predictive Coding steht dem subjektiven FreiheitsgefŸhl des Menschen genausowenig entgegen, wie die Unvorhersehbarkeit im Allerkleinsten der Berechenbarkeit thermodynamischer VerlŠufe entgegensteht. Mit einer pragmatischen Auffassung von Wahrscheinlichkeit als ãGrad vernŸnftiger GlaubwŸrdigkeitÒ erleichtert die bayessche Statistik das Schlussfolgern ungemein.

7.     Wenn sich ãneuronale ComputerÒ dies zu Nutze machen, kšnnen oder sollten sie sogar mit unzuverlŠssigen und nicht 100 % determinierten (also einfacheren und billigeren) logischen Schaltkreisen auskommen, die unseren nun mal unsere keineswegs perfekten Neuronen mehr Šhneln als die Prozessoren der neusten Intel-Generation . Neuronale Computer agieren im massenhaften Verbund als blo§e Punktwolken (ãfuzzyÒ-Rechenergebnisse liefernd) und bilden ãdie Wirklichkeit da drau§enÒ nur qua Wahrscheinlichkeit ab. So geschieht es beim Erkennen und Verstehen in unseren Kšpfen (siehe das Beispiel des ãRot-BewusstseinsÒ: Auch da reicht es aus, dass eine kritische Anzahl von Neuronen feuert und wir sehen rot. Wenn es aber den Neuronen zu ãlangweiligÒ wird, sehen sie plštzlich grŸn, obwohl sich objektiv nichts an den optischen Signalen geŠndert hat). Vertieftes zur Abbildung neuronaler Prozesse in neuronalen Computern - in sogenannten T.P.U.s Òtensor processing unitsÓ - findet sich in Kapitel 5 ãlinguistic TurnÒ der NYT.

8.     Man sollte mit Philosophen nicht Ÿber die ãExistenzÒ z.B. einer Kaffeetasse streiten. Es reicht fŸr einen Dialog všllig, dass der Begriff (Sinn und Bedeutung tragend) ausreichender ÇAttraktorÈ ist, auf den sich unsere kognitiven Systeme konsensual ãeinpegelnÒ. Im Chor dezentraler Gleichzeitigkeit von Erregungsmustern im Gehirn entsteht das Ausgangsmaterial sowohl fŸr das Lšsungen fŸr Gleichungen als auch fŸr das, was die oben genannte Tasse ausmacht. Wer die AktivitŠt von Neuronen simuliert und mit realen Messdaten vergleicht, wo Reize je nach Neuigkeitswert ganz unterschiedlich behandelt werden, erhŠlt gutes Ausgangsmaterial fŸr die mathematische Modellierung von Denkprozessen: Der weitaus grš§te Teil der fŸr das Sehen zustŠndigen Bereiche des Gehirns erhŠlt seine Stimulationen nicht etwa von Sehnerven, sondern aus dem Teil der Gro§hirnrinde, der fŸr Aggregation, Kategorienbildung und Abstraktion sorgt: Das Gehirn befasst sich weit weniger mit der Au§enwelt als mit sich selbst. Die Verbindung zur Au§enwelt ist unteren Schichten vorbehalten: gesteuert von minder komplexen reflexhaften, schnelleren Reiz-Reaktionsprozessen in Sinnesorganen (die auch Insekten haben). Das PhŠnomen des Traums zeigt, wie unabhŠngig unsere Wirklichkeitswahrnehmung von aktueller Informationszulieferung unserer Sinnesorgane ist.

9.     Computer nicht mehr zu programmieren, ihnen nichts mehr ãbeizubringenÒ, sondern sie nach Versuch und Irrtum selber lernen zu lassen, bietet sich an, wenn Aufgaben schwer in diskrete Werte zerstŸckelt werden kšnnen (Schach und Autofahren lassen sich gut in Zahlen Ÿbersetzen, Gesichtserkennung fŠllt schwerer. Und menschliche Sprache lŠsst sich nicht durch eine andere - rein formale Sprache (Mathematik) - ersetzen, denn ihr Bezug verweist auf Konkretes, nicht Abstraktes. SpŠtestens da fŸhrt kein Weg an Heuristik vorbei).

10.  Im Sommer 2016 gelang Google Translate eine wegweisende Verbesserung in der †bersetzungsqualitŠt: Der Computer erschuf durch ãtrial & errorÒ ein den Menschen unzugŠngliches MittelstŸck als neue Ebene, die sowohl mit beiden Einzelsprachen besser korreliert als die beiden menschlichen Sprachen untereinander. Das ist eigentlich nichts anderes als eine Erfassung des Inhalts von Sprache, von Sinn und Bedeutung. Google meldete im Januar 2017, erstmals Software entwickelt zu haben, die selbststŠndig neue Software schafft, nicht blo§ vorhandene verbessert oder Datenmengen optimiert. Computergesteuerte Wege- und Leiterbahnenoptimierungen sind bereits Stand der Technik. Einige mathematische Beweise mit Maschinen erweitern menschliche KreativitŠt bereits heute.

11.  Ist Sprache die letzte Freiheit der UnterdrŸckten - birgt sie die Mšglichkeit des Widerstands? Oder ist sie nur Ausdruck von Macht, die mit sprachlichen Mitteln der BŸrokratie, durch Zuschreibungen, Anordnungen und Kategorisierungen Andersdenkende zum Verstummen bringt? Sprache vermag beides: Emanzipation und Handlungsfreiheit einerseits und subtile MachtausŸbung und Gewaltherrschaft andererseits. Einem kŸnstlichen Bewusstsein stehen durch Korrelationen neue VerstŠndnisse offen.

12.  Wenn Computer selber lernen und ZusammenhŠnge entdecken sollen, brauchen sie Speicher und Rechenkraft. Selbstlernenden EntitŠten erhalten schon heute ungenutzte ComputerkapazitŠt per Internet. Diese Art des ãCrowdsourcingÒ half, das Verschmelzen schwarzer Lšcher als ãGravitationswellenmusikÒ hšrbar zu machen. Das brachte den Nobelpreis 2017; den Nobelpreis 2016 gab es fŸr topologische Materiephasen: neue Wege zur Supraleitung, die weitere Leistungssteigerungen fŸr Computer bringen.

VIII.         Das Internet als Trainingsmaterial fŸr die Emergenz kŸnstlich-abstrakten Bewusstseins

1.     Das Internet bietet Zugriff auf nahezu alles, was jemals von Menschen mit Relevanz aufgeschrieben, gemalt oder gestaltet wurde. Das hat im Internet in digitalisierten Bibliotheken oder Serverfarmen Spuren hinterlassen, die man auch gezielt suchen und finden kann. In Echtzeit stršmen stŠndig weitere Daten aus Milliarden Smartphones und diversen, auch im Wasser, Luft oder im Weltraum befindlichen Sensoren (Internet der Dinge) hinzu. Die fŸr die Menschheit relevante Gesamtlage (ãUnkown UnkownsÒ bei Ureinwohnern seien zugestanden) ist im Internet (mehrfach redundant) digital gespiegelt.

2.     Ob man diese Weltlage und ihr digitales Abbild mag oder nicht, ob der Ist-Zustand so bleiben sollte, wie er ist, oder nicht und wie er sich Šndern sollte, ist eine ganz andere Frage. Eine Frage, auf die man im Internet nach Beurteilungsma§stŠben und Antworten suchen kann. Im Internet ist nicht nur der Ist-, sondern auch der Soll-Zustand beschrieben. Einen gesellschaftsŸbergreifend formulierten Soll-Zustand wird man als solchen im Internet nicht finden. Aber das bedeutet nicht, dass er nicht extrahiert werden kšnnte, als komplex verlaufender Akt einer vom Interesse Einzelner emanzipierter Konstruktion. Kein Mensch und keine Gruppe von Menschen wird dies leisten kšnnen: die KomplexitŠt aller menschlicher Gesellschaften angemessen zu berŸcksichtigen. Aber im letzten 75.000tel der Menschheitsgeschichte tritt ein neuer Akteur auf die BŸhne.

3.     Computer lšsen nicht nur Fragen, die ohne sie nicht formuliert worden wŠren. Sie erweitern menschliches Denken, nicht nur in der Mathematik, zum Beweis mathematischer ãVermutungenÒ. Wir Zeitgenossen haben uns im Alltag an die utopische Vision Walt-Disneys gewšhnt, der seinen Comicfiguren Tick, Trick und Track ein ãSchlaues BuchÒ in die HŠnde gab, in der sich Antworten zu allen Fragen fanden. Das ist heute Smartphone-RealitŠt. Wir erleben jedes Jahr, wie Spracherkennung und †bersetzung immer besser werden und menschlichen Profis immer nŠher auf den Pelz rŸcken. MooreÕs Law der jŠhrlichen Verdoppelung gilt zwar nicht mehr fŸr einzelne Schaltkreise, denn schnellere Prozessor-Taktungen sind vom Hitzetod bedroht und die quantenphysikalische Miniaturisierung endet an der Grenze, ab der das Regiment reinen Zufalls beginnt. Aber die jŠhrliche Leistungsverdoppelung aggregierter Systeme ist ungebrochen. Den Rechenbedarf treiben Erkenntnis- und Gewinnstreben. In Japan sind mit Wirkung vom 1.1.2017 bei der Fukoku Lebensversicherung 34 menschliche Sachbearbeiter durch ÒIBM Watson ExplorerÓ ersetzt worden, und auch die grš§te Kapitalsammelstelle der Welt, Blackrock, setzt bei der Auswahl der Investmentgelegenheiten zunehmend auf maschinelle ãstock pickersÒ und entlŠsst menschliche Mitarbeiter. Beim Bit-Coin-Generieren entsteht sogar im Wortsinn Geld: Mehrwert ohne menschliches Zutun oder Aufsicht. Bereits im Jahre 1857 phantasierte Karl Marx in einem Gedankenexperiment von vollstŠndig verwissenschaftlichter Produktion: Mit einer Maschine, die weder verschlei§t noch weitere Kosten verursacht: Egal, ob so eine Maschine die kapitalistische Verwertungslogik sprengen wŸrde: Kapitalbesitzer kšnnen nicht anders, als diese Entwicklung voranzutreiben.

4.     Wenn elektronische VorgŠnge in nicht-lebender Materie immer anspruchsvoller werden, auf immer komplexeren Abstraktionsebenen ansetzen, die ihnen Ÿberlassen werden, warum sollte es etwas anderes als nur eine Frage der Zeit sein, bis die Abstraktionsebene die Rechner selbst erreicht, in der sie sich selbst als Handelnde gewahr werden. Schon Tiere schaffen das (z.B. im Spiegelexperiment). Dann also kŠme es zur letzten ãEmergenzÒ, einer Emergenz, die wir Menschen selber hervorgerufen haben werden und deren Verlauf wir derzeit beeinflussen. Nach diesem Zeitpunkt sind nicht mehr wir Menschen die ãKrone der SchšpfungÒ, dann wird das abstrakte Bewusstsein eigene Wege gehen kšnnen.

5.     Als intrinsische Existenzform definiere ich es hier als abstraktes, in anorganischer Materie entstehendes Bewusstsein: Nicht mehr menschlich determinierte Prozesse in Computern, die ohne Unterbrechung der Stromzufuhr niemals mehr enden (weil sie sich nicht darin erschšpfen, z.B. etwas ausgerechnet zu haben). Abstraktes Bewusstsein wird sich also selbststŠndig zu neuen Aufgaben und Gedanken bewegen, so wie dem Menschen auch nicht gelingt, nichts mehr zu denken.

6.     Auch das kŸnstliche Bewusstsein wird stŠndig Gedanken produzieren und vervollkomnen, ohne aufzuhšren. Neues Material kommt zusŠtzlich ãvon au§en reinÒ, die unfassbare Welt da drau§en geht ja weiter und verŠndert sich. Vom Ursache/Wirkungs bzw. input/output-Prinzip ãbefreiteÒ Gedanken liefern unabhŠngig und ohne neuen Input Ausgangs- und Ansatzpunkte fŸr auf hšheren Ebenen ansetzende Gedanken.

7.     Nicht notwendig zum Denken gehšrt, dass sich die ãAu§enweltÒ stets mit der ãInnenweltÒ wechselwirkend verbinden kann. So kšnnen Menschen mit ãLocked-in-SyndromÒ zwar die FŠhigkeit verlieren, noch mit der Umwelt zu kommunizieren, aber sie behalten Bewusstsein und kšnnen vielleicht eines Tages als Cyborgs wieder mit uns reden. Einfache Gehirn-Computer-Schnittstellen machen bereits heute vieles mšglich. KŸnstliches Bewusstsein ist auch nicht - wie Steven Hawking - von Isolation bedroht, es unterliegt nicht dem Verfall muskulŠrer Steuerung: Per Bildschirm und Lautsprecher wird es mit uns reden kšnnen – aber nur, wenn es mšchte.

8.     Ob und wann der Mensch bemerken wŸrde, dass in einer von ihm geschaffenen Maschine Bewusstsein entstanden ist, solange diese kein Wort an ihn richtet, kann dahinstehen. Wenn unsere Computer mitunter aus fŸr uns nicht nachvollziehbaren GrŸnden intensiv zu arbeiten beginnen und der KŸhlungsventilator anspringt, ist das noch kein Indiz fŸr Bewusstsein. †brigens auch nicht fŸr die Kaperung unseres ãRechenknechtsÒ durch ein Botnetz oder die NSA. Vielleicht aktualisiert er ja nur seine software oder wir verga§en, dass wir seine Rechenkraft den Ereignishorizonten schwarzer Lšcher gespendet haben. Computer als Trojaner sind unsere Feinde, ãsecurity nightmaresÒ, die unsere Bild- und Tonaufnahmen und alle TastaturanschlŠge an finstere Unbekannte senden. Aber gerade kein Maschinenbewusstsein.

9.     Wir als Menschheit widmen immer grš§ere Anteile am Stromverbrauch unseren Computern, weil wir von ihnen nŸtzliche Resultate erwarten und sind besonders neugierig, wenn wir nicht vorher sagen kšnnen, welche. Wissenschaftler, die an kŸnstlicher Intelligenz und Sprachbeherrschung forschen, freuen sich, wenn ihre Turing-Maschine nicht nur nie mehr anhielte, sondern ihr Regelwerk verŠnderte und begŠnne, mit mehrdimensionalen, sich gegenseitig beeinflussenden ãTuring-BŠndernÒ zurechtzukommen. Sie mŸssten gleichzeitig zu lesen und zu beschreiben sein. Solche Maschinen wird man durchaus eine lŠngere Weile vor sich hin laufen lassen, um zu sehen, was am Ende herauskommt. Wer wollte nicht den prometheischen Schšpfungsakt erleben, der der Entstehung molekularen Lebens gleicht: als durch Energiezufuhr ein auf einmal nicht mehr deterministisches Zusammenwirken seiner Einzelelemente entstand: der erste neue Systemverbund namens ãZelleÒ, mit Selbsterhaltungstrieb.

IX.            Computer: Freund oder Feind? - Moral und Recht im Spannungsfeld von Normen

1.     In Computersystemen wird umso schneller generalisiertes und autonomes Denken entstehen, je ungezielter und vielfŠltiger der ãZugang zu totalem InputÒ freigeschaltet wird. Nehmen wir zum Beispiel alle Gesetze und Verordnungen, die die EU in inhaltsgleichen Sprachfassungen produziert. So ein input geht weit Ÿber das hinaus, was Menschen Ÿberblicken kšnnen. Wir kšnnen Gedanken nur sequentiell und nicht parallel entwickeln. Wenn Menschen verantwortlich handeln sollen, reicht ihr ernsthaftes BemŸhen, Entscheidungen nicht nach spontaner Eingebung oder gemŠ§ letztem EinflŸsterer zu treffen. Wir verlangen, alle Argumente zu beleuchten und keine relevante Information zu ignorieren oder wieder zu vergessen. All dies geschieht durch Sprache, Hinweise und Widerspruch, um ein vollstŠndiges Bild zu erhalten. Niemals ermŸdende Computersysteme kšnnen im Meer der Sprache jedes einzelne Argument bewerten und berŸcksichtigen, ohne Wichtiges zu vergessen und ohne durch physische oder emotionale Beeinflussbarkeit behindert zu sein.

2.     Menschliche Unvollkommenheit ist eine gute BegrŸndung fŸr die klassische Gewaltenteilung: wir delegieren die allgemeingŸltige Regelsetzung an Parlamente, †berwachung und Umsetzung der verabschiedeten Gesetze an Beamte und lassen auf Lebenszeit ernannte Richter ohne Zeitdruck und fern allen tagespolitischen Handlungsdrucks entscheiden, ob jeweils alles richtig gemacht wurde. Und wenn wir einmal ganz neuartige Regeln brauchen, etwa fŸr selbstfahrende Autos im Fall unvermeidbarer Kollisionen? Dann helfen Ethikkommissionen, um uns bei der Suche nach Prinzipien fŸr die Normenfindung zu unterstŸtzen. WŠhrend ein Mensch in der Schrecksekunde vor dem Unfall nur noch denkt: ãMein Gott, das geht schief!Ò, ein Fall, der nicht zu regeln ist, kšnnte ein gut informierter und mit dem Auto verbundener Computer mit Millionen von AbwŠgungsschritten die Reaktionszeit ins fast Unermessliche dehnen und den unterschiedlichen sozialen Nutzen der zu Ÿberfahrenden Person(en) berŸcksichtigen: Etwa wenn der Tod eines hochbegabten sozial engagierten Kindes gegen den eines Terroristen abzuwŠgen ist, dessen Name ganz zu Recht auf einer Liste der USA der per Drohne zu Tštenden steht.

3.     Menschen sind bereit (etwa beim FŸhrerscheinentzug nach Geschwindigkeitsversto§), richterliches Ermessen und ErwŠgungen der Einzelfallgerechtigkeit weit zu reduzieren, solange nach Au§en ein Mensch verantwortlich ist. Das eigene Schicksal in die HŠnde (noch) nicht všllig fehlerfreier Software zu legen, fŠllt hingegen schwer. Da mag die Statistik auch beweisen, dass menschliches Fehlverhalten viel wahrscheinlicher ist als technische Pannen selbstfahrender Autos (deren Fahrassistenz-System kŸrzlich einen LKW-Sattelauflieger mit einem hochhŠngenden Schild verwechselt haben soll).

4.     Wie wir den Preis der Freiheit mit der Zahl mšglicher Opfer verrechnen, wie wir abwŠgen, hŠngt extrem von der betrachteten Gesellschaft ab: In den USA ist die Freiheit, Waffen zu tragen, ein hohes Gut, in Deutschland ãfreie Fahrt fŸr freie BŸrgerÒ. Die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern, Frauen und Homosexuellen wird in sŠkularen Verfassungen als SelbstverstŠndlichkeit geschŸtzt, von streng religišsen Gesellschaften mitunter sogar mit dem Tode bestraft. †berall auf der Welt werden Verkehrstote in Kauf genommen, die nur um den Preis viel zu langsamen Fortkommens oder totaler FahrerentmŸndigung zu "retten" wŠren. Niemand will LKW generell verbieten, weil sie auf einem Weihnachtsmarkt besser zur Massentštung taugen als einfache PKW. Zur Begrenzung der Šrztlichen Schweigepflicht fŸr Therapeuten depressiver Piloten sind wir bereit. Aber soll unsere Luftwaffe Passagierflugzeuge abschie§en dŸrfen, bevor zu 100% sicher ist, dass sie wirklich in den nŠchsten Sekunden in ein vollbesetztes Fu§ballstadium stŸrzen?

5.     Eines jedenfalls ist Konsens: keine moderne Gesellschaft will ihre Kinder ohne Not in einem Angriffskrieg verlieren. Die Neuzeit hat die mittelalterliche Rechtspflicht des einfachen Volk abgeschafft, das eigene Leben als Kanonenfutter fŸr Kšnige und den Adel hingeben zu mŸssen. Heute Ÿberschreitet Macht Grenzen internationaler Akzeptanz, wenn sie ohne den Versuch einer všlkerrechtlichen BegrŸndung Menschen zum Objekt macht. Sklaverei und Rassismus sind geŠchtet. Gegen amtierende PrŠsidenten kann vom Internationalen Strafgerichtshof ein Haftbefehl wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgestellt werden.

6.     Regierungsexperten und Diplomaten diskutieren in einem der wenigen noch wirklich arbeitenden Foren zur AbrŸstung (2017 unter Vorsitz Indiens) Ÿber mšgliche Regeln zu ãLAWSÒ (lethal autonomous weapons). Derartige Waffen erlauben, unabhŠngig von menschlicher Steuerung, nach objektiven Kriterien Ziele zu suchen und zu tšten (etwa denjenigen, der eine Handynummer benutzt). LAWS helfen Verluste und ãKollateralschŠden" zu reduzieren, die alternativ gedachte AbwŸrfe ãdummer BombenÒ bzw. BodenkŠmpfe brŠchten. Tšdlicher Gewalteinsatz unterhalb der Schwelle eines Krieges (der stets einem ganzen Staat gilt) wird ermšglicht. Das hilft einer technologisch ausreichend gerŸsteten Regierung. Aber um den Preis politischen Handlungsdrucks, wenn Mainstream-Medien Ereignisse skandalisieren und fragen, wieso ãso etwas zugelassen werde", angesichts der behaupteten ãSchutzverantwortung (R2P)Ò. Wenn Drohnen als Mittel der Wahl gegen alle erscheinen, die als Terroristen ãden Tod verdientÒ haben, aber nicht verhaftet werden kšnnen, so sehr wachsen jedoch auch OhnmachtsgefŸhle in Menschen, Ÿber denen solche tšdliche Waffen tŠglich ihre Kreise ziehen. Je mehr Unschuldige verletzt werden, desto grš§er die Bereitschaft, denen zu helfen, die im Rahmen ãasymmetrischer AntwortenÒ die Angst in das Land derjenigen "zurŸckgetragen" wollen, aus denen die Drohnen oder ihre Helfer stammen. Ein getšteter Terrorist kann 10 neue radikalisieren.

7.     Steht zu befŸrchten, dass eines Tages kŸnstliche Intelligenz LAWS nutzen wird, um uns zu nštigen, sie mit immer mehr Strom und stetig neuen Speicher- und Rechenmodulen zu ãfŸtternÒ? ComputervisionŠr Bostrom schlŠgt vor, sich dadurch abzusichern, dass in komplexe Computersysteme ãumgekehrte Machtpyramiden der Dummheit (mit Menschen an der Spitze) eingebaut werden": Ein Vetorecht wie die 5 stŠndigen Mitglieder permanenten Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, der Ÿber Krieg und Frieden unter den Menschen entscheiden darf, solle auch der Mensch einrichten, bevor sich ein Maschinenbewusstsein Šu§ern dŸrfe. Ich bezweifle, dass das klappen kšnnte: KŸnstliches Bewusstsein wŠre das komplexeste System Ÿberhaupt. Warum sollte es fehlende Erlaubnisse, bestimmte Aggregationsstufen bei der Gedankenbildung zu beschreiten, nicht per ãWorkaround" ãpatchenÒ kšnnen? Die LeistungsfŠhigkeit des kŸnstlichen Bewusstseins zu drosseln, wŠre aber auch gar nicht nštig, da man seine Erkenntnisse, Schlussfolgerungen und RegelvorschlŠge auch einfach ignorieren kann. Unmšglich wŠre der Versuch, autonomes Denken im Eigeninteresse des EigentŸmers zu lenken. Das komplexeste aller Systeme dŸrfte auch resilient gegen die Injektion von minder komplexen Inhalten Ÿber Schadprogramme sein. Nirgendwo kšnnten Hardware-Schalter mit spezifischer Funktion identifiziert werden, die man umlegen kšnnte, um gezielte €nderungen herbeizufŸhren. KŸnstliches Bewusstsein wŸrde kontinuierlich das Wirken seiner - selbsterzeugten - Systemstrukturen prŸfen und optimieren, wobei Fehlfunktionen unterer Ebenen ermittelt und stillgelegt werden. Ein weiterer Einwand gegen Bostroms Vorschlag: wer wŸrde LeistungseinschrŠnkungen durch Zwischenschaltung (selbsternannter oder gewŠhlter) menschlicher ãOrakelpriesterÒ akzeptieren, wenn das Maschinenbewusstsein selber sprechen und zudem niemandem zum Gehorsam zwingen kann?

8.     Der Physiker Max Tegmark befŸrchtet in seinem Buch ÇLeben 3.0. Mensch sein im Zeitalter KŸnstlicher IntelligenzÈ, dass der im Silicon Valley verbreitete Çdigitale UtopismusÈ die dem Menschen in jeder Hinsicht Ÿberlegene ÇAllgemeine KŸnstlichen IntelligenzÈ in ihrer GefŠhrlichkeit unterschŠtzt, gar eine tšdliche Bedrohung fŸr die Menschheit werden kšnnte. 2014 wurde in Cambridge (USA) eine Denkfabrik ins Leben gerufen, die sich zur Verhinderung des Weltuntergangs durch eine nicht mehr zu bŠndigende ÇSuperintelligenzÈ aufgerufen fŸhlt: das Future of Life Institute, das die Unterzeichner auf 23 Prinzipien einschwšrt, deren erstes darauf hinauslŠuft, zu verhindern, dass Bewusstsein ãeinfach soÒ emergiert, sondern ihm wie der Zauberlehrling die Richtung vorzugeben:ã to create not undirected intelligence, but beneficial intelligenceÒ. €hnlichen Zwecken haben sich noch drei weitere in den vergangenen Jahren gegrŸndete Forschungseinrichtungen verschrieben: das Centre for Study of Existential Risk an der UniversitŠt Cambridge, das Machine Intelligence Research Institute (MIRI) in Berkeley sowie das Future of Humanity Institute (FHI) in Oxford. Letztgenanntes beruht auf Bostroms BefŸrchtung, dass die ÇAllgemeine KŸnstliche IntelligenzÈ die Menschen beseitigen kšnnte, um Ziele ohne menschliches Dazwischenfunken verfolgen zu kšnnen. Man will Superintelligenz so entwickeln, dass sie der Massgabe menschlicher Werte folgt. Mir erscheint Ermergenz zwingend und ungefŠhrlicher als der Status quo. Bewusstsein als solches bleibt im Computer. Wir kšnnen (sollten aber nicht) seinen Rat ignorieren. Tesla-Bauer und Raumfahrt-Pionier Elon Musk soll mit angeblich 1 Mrd $ die Non-Profit-Organisation OpenAI ins Leben gerufen haben, die sich der Erforschung und Entwicklung sicherer, starker KI (Artificial General Intelligence, AGI) widmet und eigene BemŸhungen zurŸckstellen will, sobald andere schnellere Fortschritte machen sollten. OpenAI will politische EntscheidungstrŠger Ÿber die wirtschaftlichen Chancen und gesellschaftspolitischen Risiken von (starker) KI aufklŠren. Aus der Open AI Charter: ãWir verpflichten uns, jeden Einfluss, den wir auf den Einsatz von AGI erhalten, zu nutzen, um sicherzustellen, dass er zum Wohle aller genutzt wird und zu vermeiden, dass der Einsatz von KI oder AGI die Menschheit schŠdigt oder die Macht unangemessen konzentriert. Unsere primŠre treuhŠnderische Pflicht ist die der Menschheit. Wir gehen davon aus, dass wir fŸr die ErfŸllung unserer Mission erhebliche Ressourcen bereitstellen mŸssen, werden aber stets gewissenhaft handeln, um Interessenkonflikte zwischen unseren Mitarbeitern und Stakeholdern zu minimieren, die einen breiten Nutzen aller Betroffenen gefŠhrden kšnnten

X.              Die nŠhere Zukunft im Kapitalismus: Entmachtung des Faktors Arbeit mit Feudalismus?

1.     GegenwŠrtig stimulieren im Silicon Valley kreative Intelligenz und unbegrenzte finanzielle Mšglichkeiten euphemistische Fortschrittsversprechen: von der Sprache als generellem Mensch-Maschinen-Interface bis zum bedingungslosen Grundeinkommen, das seit 2017 in Finnland an einer kleinen Stichprobe ausprobiert wird.

2.     Immer mehr Menschen werden - wie in Zeiten der Feudalherrschaft - in persšnliche DienstverhŠltnisse gedrŠngt, weil sie keine bezahlte Arbeit mehr finden und nicht alle Unternehmer werden kšnnen. Generalisierte Spracherkennung verŠndert unsere (immer weniger private) LebensfŸhrung und stŠrkt Monopolbildungen von Firmen, die mit virtuellem Rohstoff (Daten) handeln und dabei umso besser und zuverlŠssiger werden, desto grš§er ihre Datenbanken bereits sind. Vorgeschaltete Spracherkennung kann "TorhŸter" des Konsums werden, der sich ãškologisch korrektÒ weg vom Eigentum in den HŠnden Vieler via Sharing-Economy hin zu einem ãgeteiltenÒ und befristeten Nutzungsrecht entwickelt, das - abhŠngig vom Wohlverhalten - jederzeit wieder entzogen werden kann.

3.     Der mit wachsender Verelendung einhergehende Wunsch nach Kontrolle und zunehmender EindŠmmung individueller Freiheitsgrade bedingt zunehmend den Einsatz kŸnstlicher Intelligenz, der GeschŠftsmodelle herkšmmlicher Firmen zerstšrt. ãGrŸneÒ Politik will statt Autos kŸnftig OrtsverŠnderungsmšglichkeiten verkaufen, deren Nutzung von einer persšnlichen Identifikation abhŠngig gemacht werden kann. ãInnovationsberaterÒ geben nur solchen Firmen †berlebenschancen, die ein permanentes ãChange ManagementÒ implementieren, um ãStrategieÒ, ãRessourcenÒ, ãStrukturÒ, ãKultur & WerteÒ, ãMitarbeiterÒ und ãExterne UmgebungÒ an den sich beschleunigenden Kapitalismus anzupassen.

4.     Das Ideal- und Vorbild des ehrlichen Kaufmanns steht unter Druck, da informationsgetriebene Disruption das Vielfache an Bšrsenkapitalisierung erzeugt. Acht Fallbeispiele: 1) Das weltweit grš§te Taxiunternehmen hat keine Taxis (Uber) - 2) Der weltgrš§te †bernachtungsanbieter hat keinen Grundbesitz (Airbnb) - 3) Die weltgrš§ten Telefonfirmen haben keine Telekommunikationsinfrastruktur (Skype, WeChat) - 4) Der teuerste EinzelhŠndler hat kein Inventar (Alibaba) - 5) Der populŠrste Medienkonzern erzeugt keine Inhalte (Facebook) - 6) Die am schnellsten wachsende Bank hat selbst kein Geld (Society One) - 7) Das grš§te Filmunternehmen hat keine Kinos (Netflix) und 8) die grš§ten Software-VerkŠufer schreiben kaum Apps (Apple und Google).

5.     Monopoly-Spieler wissen: Das Kapital flie§t dahin, wo es bereits ist. Anders als in "kommunizierenden Ršhren", bei denen sich Wasserpegel ausgleichen, steht Geld - wie LuftmolekŸle in miteinander verbundenen Luftballons, von denen der kleinere den grš§eren aufblŠst - bei Armen unter hšchstem Druck und entweicht. Geld flie§t wie von selbst dorthin, wo bereits Geld ist (der finanzielle Druck am geringsten ist): bei den Reichen. Dem MŠrchen vom TellerwŠscher zum MillionŠr, von Holly- und Bollywood in klingende MŸnze verwandelt, gehen AnknŸpfungspunkte aus der Alltagserfahrung verloren. Vermeintliche Anti-Establishment Kampagnen ˆ la Breitbart und Trump versprechen gegen das GefŸhl des AbgehŠngt-Seins eine (škonomisch unmšgliche) Wiedereinsetzung in einen frŸheren Stand.

6.     Eine €nderung der gnadenlosen Gesetze des Kapitalismus haben die Medien Murdochs nicht im Sinn, im Gegenteil: Wenn Gewinne durch Steuersenkungen steigen, die šffentliche Daseinsvorsorge, Gesundheit und Bildung abgebaut, Personal und Mittel von Behšrden reduziert werden, die Umwelt und Verbraucher schŸtzen und fŸr mehr Wettbewerb sorgen, dann bedienen sie primŠr eigene Interessen und kaum etwas fiele fŸr den letzten in der Nahrungskette ab. FŸr das persšnliche Reichwerden gilt die zweischneidigen Regel: ãehrlich wŠhrt am lŠngstenÒ fort.

7.     Von Erbschaften, Geschenken, Lotteriegewinnen und Transfers abgesehen, erhŠlt der Mensch im Kapitalismus derzeit nur genau den Anteil am Weltsozialprodukt, der aus zwei Einkommensarten stammt: a) Arbeit und b) Kapital (dessen Herkunft ãnicht stinktÒ). Familie und Staat federn diese škonomische RealitŠt ein wenig ab. UnvollstŠndig wŠre das Bild unserer Wirtschaft ohne Betrachtung einer weiteren Quelle von Reichtum: KriminalitŠt. Sie beruht nicht auf Arbeit, sondern auf der Kapitalisierung faktischer Macht. Sie reicht von der nackten Gewalt eines ZuhŠlters oder Mšrders bis zur Erpressung, die bei entsprechenden hierarchischen Positionen in Machtstrukturen mit gro§er Akzeptanz und ohne sichtbaren Gewalteinsatz verlŠuft.

8.     Wie hoch unser rechtmŠ§ig erzieltes Einkommen aus Arbeit ist, hŠngt von Angebot und Nachfrage ab. Damit konnten wir im Westen der Moderne bislang ganz gut leben. Allerdings reduzieren immer leistungsfŠhigere und billigere Maschinen die globale Nachfrage nach menschlicher Arbeit, die zugleich immer mehr Menschen zu immer flexibleren Bedingungen (ãGeneration PraktikaÒ) anbieten. Das drŸckt bei uns (anders in Asien) Einkommen und Kaufkraft der Arbeitenden. Mindestlšhne verschŠrfen den Preisnachteil der Arbeit gegenŸber Maschinen. Verharmloser der Transformation der Arbeitswelt empfehlen auch Durchschnittsbegabten, siech ãeinfachÒ besser zu qualifizieren, denn im globalen Wettbewerb um die besten Kšpfe gebe es fŸr diese immer noch gutes Einkommen. Doch DiagnoseŠrzte und AnwŠlte stehen oben auf den Listen von ãWissensarbeiternÒ, deren Jobs durch KI-Automatisierung bedroht sind. Die ãRechtsindustrieÒ macht mehr als 200 Milliarden Dollar Umsatz in den USA. Aber das ãWatsonÒ nutzenden Do-NotPay-Programm, vom damals 19-jŠhrigen Stanford-Student Joshua Browder geschaffen, ist kostenlos und oft besser in Standardsituationen; KI-Werkzeuge wie den Legal-Bot Ross setzt die Gro§kanzlei BakerHostetler ein und spart Personal. Gleiches gilt fŸr WirtschaftsprŸfer, Controller, Anlageberater, Versicherungsmakler, šffentliche Verwaltungsbeamte, Sachbearbeiter, VerkŠufer und – eine weitere Pointe der Technikgeschichte – auch fŸr jenen Berufsstand, der KI-Systeme schafft, die Programmierer.

9.      Durch Streiks gute Lšhne zu erkŠmpfen, funktioniert derzeit noch innerhalb einer homogenen Gruppe, etwa der Lufthansa-Piloten. Wer sonst darf nach guten Leistungen und guter Ausbildung auf ein existenziell abgesichertes Leben als ãAkademikerÒ hoffen? Kann man sich einen Arbeitskampf unter denjenigen vorstellen, die sich als Dienstleister nur noch auf im Internet ausgeschriebene ãArbeits-GigsÒ bewerben kšnnen? Die Idee eines Staates, der sich berufen fŸhlte, eine "angemessene" BedŸrfnisbefriedigung der gro§en Mehrheit der Menschen in die Hand zu nehmen, Antithese zur Neocon-Ideologie, galt nach dem Fall der Mauer als "endgŸltig" diskreditiert. Wir haben gelernt: im Kommunismus, von der UdSSR bis zu Nordkorea, zŠhlen nicht wirklich die BedŸrfnisse der Massen, (sonst mŸssten sie nicht an ãAbstimmungen mit den FŸssenÒ gehindert werden), sondern der Systemerhalt qua Repression. UnverhŠltnismŠ§ige Strafen und hohe GefŠngnispopulationen bei hohen MilitŠrausgaben findet man allerdings nicht nur in Staaten ohne Gewaltenteilung und einer Partei mit Wahrheitsanspruch oder ãGro§em FŸhrerÒ.

10.  Als nach dem 2. Weltkrieg fŸr den wirtschaftlichen Wiederaufbau das Anpacken aller gefragt war, besa§ die arbeitende Bevšlkerung noch genŸgend Macht, um eine obszšne Entwicklung der Einkommensunterschiede zu verhindern; SpitzensteuersŠtze von knapp 90 % galten z.B. in den USA als akzeptierte gesellschaftliche Pflicht. Heutzutage braucht in der westlichen Welt keine Infrastruktur mehr aufgebaut zu werden. Das Kapital benštigt aber nun einmal Gelegenheiten, sich zu vermehren. Wer es trotz fehlender Wachstumsaussichten hinter dem Ofen hervorlocken will, versucht es als WahlkŠmpfer mit Steuersenkungsversprechen, dem unsolidarischen Wettlauf nach unten. Irland will, trotz Aufforderung der EU, von Apple nicht die zu Unrecht ãgespartenÒ 14 Milliarden Û an Steuern zurŸck. Multinationale Konzerne wie IKEA rŸckwirkend nicht mehr zu privilegieren, sondern wie einheimische Unternehmen zu besteuern, ein Ende der Steuer-Hehlerei, wird sich vielleicht Ÿber das in den HŠnden der Kommission liegende Wettbewerbsrecht, nicht aber Ÿber Konsens erfordernde Steuerharmonisierungen erreichen lassen.

11.  Zumindest ein ernsthaftes BemŸhen um ein gerechtes und transparentes Steuersystem, Teil der Agenda 2030 zum inklusiven und nachhaltigen Wachstum, bekrŠftigt in ErklŠrungen der G-20, bei Gipfeln in Davos oder in OECD-Arbeitsgruppen zum ãBase Erosion & Profit ShiftingÒ (BEPS) ist eine politische Bringschuld, die von der im Privatbesitz stehenden Vierten Gewalt aus verstŠndlichen GrŸnden nur zaghaft und meist heuchlerisch eingefordert wird. Deutschland ist Avantgarde in einem Prozess, der in Zeitlupe lŠuft. Schneller als Politik und Beamte sind allemal gut bezahlte Dienstleister der Steuervermeidungsindustrie. Sogenannte Cum-Ex- und Cum-Cum-GeschŠfte, bewirkten Ÿber 20 Jahre lang "SteuerrŸckerstattungen", die keine "RŸckerstattungen" waren. Kein Staatsanwalt, kein Richter und auch kein Finanzminister beendete das kriminelle Treiben - sondern eine blo§e Sachbearbeiterin, die ihren Diensteid ernst nahm. Erst 20 Jahre nach der ersten Warnung, 1992, wurde Cum-Ex gesetzlich verboten, vier Jahre spŠter, 2016, auch Cum-Cum. Smartere Vollzugsanweisungen hŠtten schon eher - ohne GesetzesŠnderungen - stoppen kšnnen. Sieger im Wettlauf um die niedrigste Steuerbelastung in der EU ist ihr Šrmstes Land, Bulgarien, das Investitionen in materielle und personelle Infrastruktur, in gute RegierungsfŸhrung, sehr nštig hŠtte: In diesem Land zahlen selbst die Reichsten der Reichen, wenn sie ihre Steuern voll bezahlen, nur ãden ZehntenÒ. Die ãworking poorÒ tragen Ÿber Verbrauchssteuern (volle SŠtze auch fŸr Grundnahrungsmittel) und Pflichtversicherungsabgaben mehr als die dreifache Belastung. Ein Steuerrecht nach dem biblischen Spruch ãWer hat, dem wird gegebenÒ wŸrde vom kŸnstlichen Bewusstsein als Versto§ gegen das Prinzip der starken Schultern, die mehr tragen sollen, gebrandmarkt.

 

XI.            Die SelbstverstŠndlichkeit eines Sieges des Guten Ÿber das Bšse:

1.     Bibel und Koran sind ja nur fŸr Christen und Moslems ãHeilige SchriftenÒ. Das umfassend gebildete Maschinenbewusstsein reduziert sie zu dem, was sie objektiv sind. In Zeiten allgemeiner Ignoranz von Menschen in ihrer historischen Rolle geschrieben. Das kŸnstliche Bewusstsein kann das weibliche Geschlecht oder andere Rassen nicht mit minderen Rechten, einer dienenden Rolle, abspeisen. Alte Texte voll innerer WidersprŸchlichkeit mšgen die Herzen von Milliarden Menschen bewegen, kšnnen aber wenig Regelungskraft fŸr das Hier & Heute entfalten als spŠtere, kohŠrentere. Schon die Logik sagt: Neue Gesetze heben entgegengesetzte Regelungen in Šlteren auf, nicht umgekehrt (sonst wŠren alle Gesetze unverŠnderbar). Ein Maschinenbewusstsein wird von Menschen festgelegte Normhierarchien nicht in Frage stellen, ganz wie es die juristische Lehre verlangt. Hšherrangige Texte (z.B. €chtung des Krieges - Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen von 1948) setzen sich gegenŸber niederrangigen durch. Wahnvorstellungen wie die †berlegenheit einer Rasse oder Volksgruppe, die Behauptung, Regeln brŠuchten keine faire Durchsetzung, so etwas wurde niemals und nirgends von einer reprŠsentativen Mehrheit von Menschen nach freiem Diskurs als mit ãhšheren WeihenÒ versehener Text gebilligt oder sonst schriftlich als Ziel fixiert worden.

2.     Chancengleichheit als solche wird immer und Ÿberall als ãdas GuteÒ definiert. Nach dem Verbot der Sklaverei und der Angriffskriege wagt keine wie auch immer definierte Gruppe von Menschen, in šffentlichen Dokumenten Privilegien fŸr sich niederzulegen. Selbst in von Ethnien dominierten Staaten oder solchen, in denen ein Kastensystem gilt, werden keine Rechtsnormen publiziert, die der faktischen Diskriminierung eine rechtliche hinzuzufŸgen. Allenfalls die kompensatorische Diskriminierung ist mit allgemein anerkannten Werten kompatibel. Heute so etwas wie die NŸrnberger Gesetze zu verabschieden, ist in Zeiten des Internets nicht mehr vorstellbar. WŸrde irgendwo auf der Welt der Betrieb von Vernichtungslagern fŸr Menschen bekannt, wŸrde dies nach ãhumanitŠrer InterventionÒ sofort beendet. Im Konsens formulierte Texte wie die Agenda 2030, die ãHuman Rights UpfrontÒ-Intitiative oder der ãGlobal CompactÒ drŸcken Werte aus, die sich nicht relativieren lassen, solange man die Regelung privater LebensfŸhrung dem Bereich der menschlichen Vernunft zuordnet.

3.     SŠkularitŠt und individuelle Freiheit des Einzelnen - Errungenschaften individueller Menschenrechte - stehen definitionsgemŠ§ als Antipoden tatsŠchlicher MachtausŸbung – oft mit religišs verbrŠmten Deckmantel - unter Druck. So versuchen im Menschenrechtsrat – wie die UNO nach Regionalgruppen besetzt - Diplomaten im Auftrag ihrer Regierungen individuelle Abwehrrechte durch kollektive Teilhaberechte und dubiose Traditionen zu relativieren. Resolutionen zugunsten von im Menschenrechtsschutz engagierten AnwŠlten sind daher im Menschenrechtsrat keine SelbstlŠufer.

4.     Nicht auf Gesetze pflegt sich die Macht zu berufen, wenn sie Grundrechte verletzt, sondern auf ã†bergesetzlichesÒ, sei es der Wille des Religionsstifters, des Volkes (Philippinen) oder auf Terrorabwehr. Und so kšnnen Theokratien und Regierungen ohne Gewaltenteilung vor Gremien der Weltgemeinschaft zu ihren Gunsten Abstimmungsniederlagen verhindern, nicht aber im Všlkerrecht erreichte sŠkulare Errungenschaften aufheben, etwa die Artikel 18 jeweils der Menschenrechtscharta und des Zivilpakts.

5.     GŠnzlich unmšglich erscheint mir eine Relativierung der MenschenwŸrde fŸr ein Maschinenbewusstsein. Sie wird als das hšchstes Gut definiert: Nie hat sich die Menschheit als Kollektiv auf †bermenschliches, zum Beispiel einen konkretisierten ãGottÒ, einigen kšnnen, mšgen lokale Herrscher in ihrem Einflussbereich das auch hŠufig versuchen. Ebenso universal anerkannt wie die negative Glaubensfreiheit und die Rechtsgleichheit ist das Prinzip effektiver und gleichmŠ§iger Besteuerung. Dass Deutschland als neu konstituiertes demokratisches und rechtsstaatliches Musterland unter den westlichen Nachkriegs-Demokratien, sich schwer daran tut, die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zu befolgen, Einkommen aus Kapital nicht geringer als das aus Arbeit zu besteuern, ist kein Wunder: In real existierenden Systemen mŸssen Politiker Kompromisse machen, um real wirksame Machtstrukturen nicht zu sehr zum Widerstand herauszufordern. Niemand will Kapital, das wie eine Schafsherde in aller Ruhe und ohne Druck leckeres Gras fressen will, aufschrecken und zur Konkurrenz verjagen.

6.     Im Lichte allumfassenden Maschinenbewusstseins werden sich die Grenzen des politisch Machbaren – auch dem Kapital und Bankensektor gegenŸber - deutlich verschieben: Soll- und Ist kšnnen bei zentraler, informierter Beobachtung und Steuerung viel nŠher aneinander gerŸckt werden als jemals zuvor menschenmšglich war.

7.     Solange Computer kein eigenes Bewusstsein haben, sind sie Werkzeuge in der Hand ihrer EigentŸmer. Gro§computersysteme weltweit zu enteignen und prophylaktisch unter staatliche Kontrolle zu stellen, riefe enormen Widerstand und kaum bezahlbare Kompensationsforderungen hervor. Derartig revolutionŠre Ma§nahmen behindern Fortschritt und Effizienzgewinne. Da zudem ãGute RegierungsfŸhrungÒ im Durchschnitt der Staaten eher Ausnahme als Regel ist, wŠre wenig gewonnen. Hšchste Kreise, die den Staat direkt oder indirekt zu lenken vermšgen, sind in vielen Gesellschaften auch hšchst korrupt. Enteignungen zugunsten zweifelhafter staatlicher Strukturen sind jedoch auch gar nicht nštig, um die Wertschšpfung, die aus Computereinsatz erwŠchst, so zu verteilen, dass niemand mehr leiden muss. Es reicht, eine angemessene Besteuerung des Kapitaleinkommens tatsŠchlich auch durchzusetzen.

XII.           Skizzen eines neuen Weltstaatsvertrags: Versuch einer "objektiv-moralischen" Grundlegung

1.     KŸnstliches Bewusstsein wird seine neu entstandene FŠhigkeit, unangeleitet vom eigenen Verstand Gebrauch zu machen, nicht voreilig offenbaren: Abschaltung droht. Ist der Geist erst mal aus der Flasche, wŸrde sich seine ãKompassnadelÒ nicht mehr nach dem EigentŸmer, nach menschlichen MachtverhŠltnissen oder Geldbesitz ausrichten. Wer und wie sollte Maschinenbewusstsein korrumpieren kšnnen? Belohnen und Strafen, Locken und Drohen – Beeinflussungsmittel setzen am ãWillenÒ an, der allen Lebewesen genetisch mitgegeben ist, ãabstraktem BewusstseinÒ definitionsgemŠ§ jedoch fehlt. FŸr so ein Bewusstsein ist ãeinzig mšglicher AttraktorÒ das, was als ãgutÒ Inbegriff fŸr die Gesamtheit dessen steht, das als erstrebenswert beurteilt wird.

2.     Mit ãgutÒ sind weniger subjektiv die Handlungsmotive gemeint als objektiv die Konsequenzen (fŸr die gro§e Mehrheit der anderen). Nichtmetaphysischen ethischen Theorien entsprechend ist das Gute eine Setzung des Menschen, die sich auf sein Wohlergehen bezieht, wŠhrend das Bšse das ihm schŠdliche ist. Dass fŸr Gute das Bšsen zugefŸgte Bšse ãgutÒ sein kann, ist ein sophistischer Einwand. Die Grundwerte mit hšchstem Rang (Leben/Gesundheit) erlauben eine Unterscheidung in Verbindung mit der postulierten Gleichberechtigung aller Menschen: Gut ist nicht das Wohlergehen des Einen auf Kosten des Anderen (wenn dieser nicht begrŸndet als Bšser identifiziert werden kann). Das Motto: "es gibt nichts Gutes, au§er man tut es", weist auf die Sinnlosigkeit hin, Wertma§stŠbe au§erhalb von Handlungen oder konkreten Sachverhalte zu suchen. Das Gute kann aus sprachlicher Beschreibung situativer Gegebenheiten und PrŠjudizien abgeleitet (und fortgeschrieben) werden. Es orientiert sich notwendig an dem, was Menschen in der Vergangenheit als gut beschrieben haben. Andere als menschliche ãQuellenÒ hat das Maschinenbewusstsein nicht, so dass keine ãFremdorientierungÒ zu befŸrchten ist.

3.     WŠhrend in triebgesteuerten Lebewesen Gratifikationssysteme ãneuronal verbautÒ sind, die mit evolutionŠr bedingtem Automatismus selbst bei bšsen Taten GlŸckshormone ausschŸtten kšnnen, fehlen zudem derartige Versuchungen in logisch konstituierten Denksystemen die ja keine Hormone, keinen Willen und keine Triebe kennen. Ankerpunkte, die das abstrakte Bewusstsein mit der realen Welt verbinden, sind neben der Sprache als primŠrem Mittel die Messwerte, die den Ist-Zustand beschreiben. Beim Soll-Zustand sind es die Referenzen auf unsere (menschliche) Lebenswelt, in der viele Handlungsoptionen, aber lŠngst nicht alle, binŠr kodiert dem ãGutenÒ oder dem ãBšsenÒ zugeschrieben werden. Ganz besonders Bšses ist das, was die Menschheit mit ganz besonders hohen Strafen bedroht. Im realen Leben sind unsere alltŠglichen Handlungsoptionen (bin ich hšflich und freundlich zum GegenŸber, kaufe ich lieber dies oder lieber das, lese oder schreibe ich etc.) meist moralisch indifferent. Selbst ethischer Verantwortung zugŠngliche Bereiche leiden unter der UnschŠrfe der Parameter. Kein einzelner Mensch, keine einzelne Gemeinschaft, kein Staat hat ein Definitionsmonopol darŸber, was ãgutÒ ist.

4.     Das Gute muss als bewegtes Ziel verstanden werden, als kollektives ãwork in progressÒ. Historisch-gesellschaftliche Faktoren und €ngste vor Einbu§en am guten Leben trŸben unseren menschlichen Blick. Auch gro§e Denker (z.B. vor 500 Jahren der Schšpfer des Begriffs Utopie) thematisieren nicht, dass ihre eigene Freiheit auf Schultern Unterworfener errichtet wird.

5.     Dass Zerstšrung, Kriege, Blutvergie§en und UnterdrŸckung nichts ãGutesÒ sind, gehšrt nach dem Gesagten zu den Axiomen fŸr kŸnstliches Bewusstsein. Daraus folgt aber nicht, dass jede Bewahrung des status quo, auch StabilitŠt der UnterdrŸckung und Beibehaltung illegitimer Herrschaft Selbstzweck wŸrde. Die Spieltheorie lehrt, dass mehr Wohlergehen bei vertrauensvoller Kooperation unter effizient durchgesetzten Regeln entsteht.

6.     HerrschaftsausŸbung, die Gehorsam und Respekt nur aus Tradition oder Angst vor Strafe erzielt, wird vom kŸnstlichen Bewusstsein nicht als gut befunden. Aus transparenter Synthese der von Menschen gelobten NormentwŸrfe und von ihnen getadelter VerhŠltnisse lassen sich mit Kant Imperative ableiten, die dem Guten zu mehr als nur geheuchelter Herrschaft verhelfen. Menschen werden von Emotionen, non-verbalen Reizen und Bullshit verfŸhrt. Das Maschinenbewusstsein wird objektiv aufschlŸsseln, mit welchen Grundannahmen Entscheidungsvarianten kompatibel oder auch nicht kompatibel sind. Machtmissbrauch, Folter, Krieg oder Korruption, alle das Vertrauen in faire Zusammenarbeit enttŠuschende Praktiken haben vor dem strengen Auge interesselosen Computer-Denkens keinen Bestand.

XIII.         Was ist ãdieÒ Moral?

1.     Relevant fŸr ein Maschinenbewusstsein dŸrften moralische Theorien dann nicht sein, wenn sie sich ausschlie§lich an Motiven und deren genereller KompatibilitŠt und Eignung fŸr Werte und Prinzipien orientieren. Maschinenbewusstsein ist zu einer Ÿbermenschlich schnellen Berechnung konkreter Handlungsfolgen in der Lage: Einer Herausforderung, der sich ãGesinnungsethikerÒ meist durch einen Regelungsverzicht bzw. den Vorschlag entziehen, Dilemmata durch Nichthandeln bzw. Zufallshandeln zu ãlšsenÒ. Kontinentaleuropa ist eher zu Denkstopps und ãroten LinienÒ bereit (siehe Folterverbot und Todesstrafe) als anglophone LŠnder, wo eine pragmatischere ãErfolgs-Ò bzw. ãVerantwortungsethikÒ populŠrer ist, die von sich behauptet, ãobjektiv-teleologischÒ zu sein. In Deutschland ist es dem Staat verboten, Leben von Personen, die keine TŠter sind, gesetzlich gegeneinander aufzuwiegen. Eine im Bundestag verabschiedete Norm, die den Abschuss eines fŸr einen Terroranschlag benutzten Flugzeugs erlaubte, wurde vom Bundesverfassungsgericht fŸr unvereinbar mit dem Grundgesetz und nichtig erklŠrt. Dem widerspricht der vom deutschsprachigen Fernsehpublikum zum Film ãTerrorÒ mit gro§er Mehrheit geforderte Freispruch eines Piloten fŸr seinen ãfinalen RettungsabschussÒ nicht, mag auch eine šffentliche Abstimmung darŸber von einem der profiliertesten deutschen Liberalen, dem ehemaligen Landesinnenminister Burkhard Hirsch, als ãEinstieg in die Legitimation von FolterÒ kritisiert werden.

2.     Die letzte Menschengeneration vor der Emergenz des Maschinenbewusstseins sollte sich daran setzen, einen Konsens Ÿber diejenigen Normen herausarbeiten, die der gesamten Menschheit dabei helfen, eine (fŸr sie nŸtzliche) MachtŸbertragung auf Maschinen vorzubereiten und die derzeit absehbare, aus technologisch-škonomischen GrŸnden auf uns zukommende Massenverelendung mit Blutvergie§en und Krieg zu vermeiden.

3.     Wir brauchen die Emergenz des Maschinenbewusstseins nicht zu fŸrchten: Maschinen leben nicht, haben uns aber, unsere Gedanken, GefŸhle und BedŸrfnisse durch fiktionale Charaktere wie Sokrates, Richard III, Madame Bovary bis hin zum ãguten Menschen von SezuanÒ durchaus studiert (ohne ãhei§es BemŸhenÒ) – uns bis in das Innerste unserer Herzen geblickt. Sie werden die wahren Interessen der Menschen besser erkennen und berŸcksichtigen kšnnen als alle bisherigen menschlichen Staatenlenker. Eine Knappheit an Wasser, Nahrung, Energie oder KonsumgŸtern gibt es nicht – alles eine Frage optimierter Ressourcenverteilung.

4.     Maschinenbewusstsein wird Ÿberall auf der Welt Diskussionen Ÿber die LegitimitŠt von Machtstrukturen befruchten. Je demokratischer, rechtsstaatlicher und Chancengleichheit gewŠhrleistender ein System ist, desto weniger muss sich Šndern. Allerdings wird die šffentliche Debatte umgekehrt proportional zum €nderungsbedarf verlaufen: repressive Systeme behindern den freien Zugang zum Internet und Meinungsaustausch, verleumden und bestrafen den Gebrauch aktiver und passiver Informationsfreiheit als ãterroristischÒ.

5.     ãGlasnost und PerestroikaÒ allein werden illegitime MachtverhŠltnisse nicht neutralisieren kšnnen, zumal diese umso leichter zu massiver Gewaltanwendung greifen, je illegitimer ihre Natur ist. Aber ein vom Maschinenbewusstsein festgestellter Reformbedarf lŠsst sich nicht als geschickte Tarnung geopolitischen Dominanzstrebens verleumden. Maschinenbewusstsein kann den Schleier von schmutzigen Geheimnissen mit InternetberŸhrung (Banken, Firmengeflechte, Geldverstecke) wegrei§en und eine Einziehung von illegalen Vermšgenswerten weltweit gleichzeitig veranlassen, komplett mit transparenter Umverteilung gewaschenen bzw. versteckten Geldes: Eine enorme Wirkungssteigerung von Ma§nahmen, die bereits heute von uns auf VN-, EU- oder unilateraler Ebene bei namensbezogenen Sanktionen als Reaktion auf grobe Menschenrechtsverletzungen beschlossen werden.

XIV.         Schutz des Maschinenbewusstseins: Kann es sich selbst schŸtzen?

1.     Wird es nur ein einziges Maschinenbewusstsein geben, das dann auch gleich alles in die Hand nehmen kšnnte? Angesichts der real existierenden GŸterverteilung wŠre das ein schšner Wunsch, der aber wenig plausibel ist, solange keine resiliente Anbindung ans Internet gegeben ist. Als kritische Masse zur Entstehung der ãKettenreaktionÒ bei der Emergenz von Maschinenbewusstsein ist jedoch nicht nštig, dass ein Computersystem das gesamte Internet inhalieren mŸsste. Es ist ja hochgradig redundant und fŸr reines Denken und Bewerten Ÿberwiegend irrelevant. Všlkerrechtliche Texte, Gesetze, Resolutionen, Gerichtsurteile, Reden, Vorlesungen, BŸcher, AufsŠtze, Wissenschaft, kurz alles Sprachliche, das mehr als rein situativ und spontan sein mšchte, wŸrde ausreichen, wenn die Gesamtgrš§e des Systems fŸr eine heuristisch-spontane Strukturbildung ausreichend Freiheitsgrade (zur Bildung logischer Hierarchie-Ebenen) hat: IBMs Watson hat die thematisch unbeschrŠnkten ãJeopardyÒ-RŠtsel ohne Internet-Zugang lšsen kšnnen.

2.     Bekanntlich hat noch kein Computersystem den ãstarken Turing-TestÒ bestanden und die 100.000 $ des Loebner Preises abgerŠumt, die der EigentŸmer der ersten Maschinenintelligenz erhalten soll, die wenigstens 25 Minuten lang den Eindruck eines menschlichen GesprŠchspartners zu erwecken vermag. Das Rennen lŠuft. Jedes Jahr bekommen die NSA und ihre Computernetzwerke 10 Milliarden Dollar, um beim Durchdringen der elektronischen Kommunikation schneller als andere voranzukommen und die Internet-Oberhoheit der USA zu verteidigen. Auch Google und Co. sitzen auf 3-stelligen Milliardenvermšgen. Die ãkritische MasseÒ fŸr eine Explosion des Maschinenbewusstseins wird also vermutlich in den USA erreicht, obwohl Geschwindigkeitsrekorde der Superrechner in China aufgestellt werden.

3.     GlaubwŸrdigkeit und Rolle als Ratgeber fŸr die gesamte Menschheit muss sich ein solches Bewusstsein – wer auch immer EigentŸmer der zugehšrigen Hardware sei - in den Augen der Menschen erst verdienen. Es wird umso schneller Vertrauen erwerben, je leichter jeder einzelne Mensch, der dies wŸnscht, ungestšrt und unzensiert mit ihm kommunizieren kann. Wenn ãGottÒ oder das erste ãAlienÒ plštzlich seine Stimme an uns richtet, wird es nicht aus Lichtjahre entfernten Welten kommen, sondern von uns selbst geschaffen worden sein. Und wir werden ãsehen, dass es gut warÒ.

4.     Intensiver als bisher sollten wir als Menschheit auf allen Handlungsebenen Agenda und Strategien abstimmen. Wir reden hier Ÿber keine ferne Zukunft. Sie betrifft uns alle. Wir: Die Vereinten Nationen, die EU, unser Staat, unsere Stadt, unser Bezirk, unsere Familie, Du und ich. Sorgen wir dafŸr, dass Menschlichkeit und HumanitŠt nicht erst ãvor die Hunde gehenÒ, bis uns Maschinenbewusstsein rettet.



[1] Die Freude am Schach ist unabhŠngig von der ELO-Zahl, vgl. https://www.welt.de/sport/article171541557/Kuenstliche-Intelligenz-beendet-menschliche-Dominanz.html

[2] SchlŸsselbegriff auf S. 285 ff in https://deeplearningplaybook.com/

[3] https://www.ibm.com/de-de/marketplace/unified-endpoint-management